Bis du alles verlierst: Familiendrama

Bis du alles verlierst: Familiendrama

by Adele Parks, Birgit Salzmann

NOOK Book(eBook)

$10.99

Available on Compatible NOOK Devices and the free NOOK Apps.
WANT A NOOK?  Explore Now
LEND ME® See Details

Overview

Wenn du das perfekte Leben lebst, hast du alles zu verlieren. Alison hat sich ihr perfektes Leben hart erarbeitet. Sie ist verheiratet mit Jeff, hat ein schönes Haus und eine kluge Tochter: Katherine, das Zentrum von Alisons Welt. Doch dann endet Alisons Leben, so wie sie es kennt. Ein Fremder steht vor der Tür und offenbart ihr eine schreckliche Wahrheit. Vor fünfzehn Jahren wurden seine und ihre Tochter im Krankenhaus vertauscht. Und damit nicht genug. Katherine droht wahres Unheil … "Es gibt kaum Autoren, die so eindringliche Charaktere schaffen wie Adele Parks." Glamour

Product Details

ISBN-13: 9783959676717
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 07/10/2017
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 480
File size: 4 MB

About the Author

Adele Parks wurde in Teesside, im Nordosten Englands, geboren. Sie hat Anglistik in Leicester studiert und danach in der Werbebranche gearbeitet. Bereits im Jahr 2000 erschien ihr erster Roman. Seitdem hat sie fünfzehn Bücher veröffentlicht, die alle zu Bestsellern wurden. Adele Parks lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einer Katze in Guildford, Surrey.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

"Mum? Mum, bist du das?"

"Wer denn sonst? Du müsstest längst schlafen." Während ich das sage, drücke ich die Tür zum Zimmer meiner Tochter auf, ein Strahl Flurlicht fällt hinein und landet auf dem Bett. Sie liegt darauf, aber ihre Augen sind weit geöffnet. Sie strahlt, mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand. So rebelliert meine fünfzehnjährige Tochter: indem sie gelegentlich liest, anstatt das Licht auszumachen. Ich weiß, ich kann mich glücklich schätzen.

"Heute war ein toller Tag, stimmt's?"

"Stimmt", pflichte ich ihr bei.

Sie rutscht zur Seite und macht mir Platz. Ich lasse mich nicht lange bitten, obwohl ich weiß, dass ich darauf bestehen sollte, dass sie das Licht löscht, weil morgen Schule ist und weil Jeff und ich immer weniger Zeit für uns allein haben. Ich sollte nach unten gehen und mir welche für ihn nehmen. Aber einer Mutter-Tochter-Unterhaltung vor dem Schlafengehen konnte ich noch nie widerstehen. Es scheint nur fünf Minuten her zu sein, dass wir zusammen auf diesem Bett lagen, ihr Kinderkörper, warm und unbefangen, dicht an mich gekuschelt, während ich ihr aus Pu der Bär vorlas. Inzwischen kann ich diese Nähe nicht mehr einfach als selbstverständlich voraussetzen. Auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden muss alles ständig neu verhandelt werden. Ich setze mich aufs Bett, schwinge die Beine nach oben und lege mich flach neben ihren mittlerweile straffen Fast-Frauenkörper. Ich lege den Arm um sie, und sie wehrt sich nicht. Zu meiner Freude schmiegt sie sich noch fester an mich. Sie schenkt mir einen weiteren Tag ihrer Kindheit. Ich fürchte den Moment, in dem sie mich wegschiebt, und würde jedes Mal am liebsten einen Luftsprung machen, wenn ich sie noch einmal mit meiner Liebe überschütten darf.

"Was hat dir an dem Spiel am besten gefallen?", fragt sie.

"Dass du gewonnen hast", antworte ich unwillkürlich. Das Strahlen, das sich bereits über ihr ganzes Gesicht spannt, wird noch einen Tick breiter. Das war die richtige Antwort. Das ist immer die richtige Antwort. Wie alle Kinder braucht Katherine die Bestätigung, dass ihre Eltern sie für fantastisch halten. Das hört mit fünf nicht plötzlich auf, oder mit fünfzehn oder fünfundvierzig. Das gilt für immer. Und sie ist ja auch fantastisch. Ich bin überglücklich, ihr das ständig zu versichern und ihr Komplimente zu machen. Sie hat heute zwei Tore geschossen, was für ein toller Start in die Saison. Wenn sie so weitermacht, qualifiziert sich ihre Mannschaft bestimmt fürs Finale der Rathbones National Schools Lacrosse Championship. Ich selbst habe nie in einer Mannschaft gespielt, geschweige denn einen Siegestreffer erzielt. Ich bewundere meine Tochter, von der die Leute sagen, sie könnte eines Tages in der Nationalmannschaft spielen.

Katherine erzählt mir, worum es in ihrem Buch geht. Die Geschichte spielt in einer grauenerregenden postapokalyptischen Welt, wie Teenager sie heute anscheinend mögen. Die mutige Heldin plant, einen bösen Gewaltherrscher zu töten, um ihre Familie zu schützen, deren Mitglieder ausgebeutet und gefoltert werden. Es klingt ziemlich brutal und ähnelt dem letzten Buch, das sie gelesen hat. Ich versuche, ihr zu folgen, doch ich spüre, wie ich langsam müde werde. Es ist noch nicht mal zehn, aber ich könnte direkt neben ihr einschlafen.

Jeff streckt den Kopf zur Tür herein. "Hab ich mir gedacht, dass ich dich hier finde." Ich weiß, dass er mich sanft ermahnen will, weil er darauf brennt, sich einen Gin Tonic einzugießen und zu gucken, was es Neues auf Netflix gibt. Allerdings ist auch er Wachs in Katherines Händen und nimmt sich immer Zeit für sie.

"Wir unterhalten uns gerade über das Spiel."

"Du warst große Klasse", sagt er nur.

"Danke, Dad."

"Wie immer", füge ich hinzu. Katherine grinst und errötet in dieser komplizierten Teenager-Mischung aus Freude und Verlegenheit, während sie gleichzeitig versucht, das Thema zu wechseln.

"Und was liest du da, Dad?"

Jeff blickt auf das Buch in seiner Hand. Er wirkt irgendwie erstaunt, dass es dort ist; wir jedoch nicht. Er ist Romanautor, und wenn er nicht gerade schreibend vor seinem Computer sitzt, liest er. Irgendeine Lektüre hat er immer dabei. Man könnte meinen, sie wäre ihm an den Körper gewachsen.

"Es geht um Evolution."

"Aha." Katherine verdreht zwar nicht direkt die Augen, aber ich merke, dass sie nicht sonderlich begeistert ist.

Jeff merkt es nicht, oder er zieht es vor, ihr Desinteresse nicht weiter zu beachten. "Wisst ihr, was ich gerade gelesen habe?", fragt er.

"Was denn?", antworten wir beide im Chor. Er ist unser selbst ernannter Verkünder interessanter Fakten. Sein Spezialgebiet sind Mutter Natur und ihre Mütter.

"Weibliche Tintenfische legen zwischen 50.000 und 200.000 Eier auf einmal."

"So viele?", fragt Katherine. Ihr als Einzelkind imponiert es, wie viele Geschwister andere Leute haben, und eine so immense Anzahl ist natürlich sehr beeindruckend.

"Die Mutter gewährleistet ihr Überleben, indem sie die Eier nach Größe und Form in Gruppen aufteilt. Die darauffolgenden zwei Monate widmet sie sich dann ausschließlich der Aufgabe, sie vor Räubern zu schützen und sie mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen, indem sie ihnen vorbeiströmendes Wasser zufächelt. Stellt euch das mal vor, faktisch versucht sie, für ihren Nachwuchs die Gezeiten umzukehren."

"Ganz schön aufopferungsvoll", stelle ich fest.

"Verblüffend, nicht wahr? Tatsächlich ist sie so sehr damit beschäftigt, sie alle am Leben zu halten, dass ihr keine Zeit mehr bleibt, sich selbst zu versorgen. Deshalb sterben die meisten Mütter, kurz nachdem die Jungen geschlüpft sind."

"Äh, vielen Dank auch, Dad. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der alle Geschichten, die du mir erzählt hast, mit 'Und dann lebten sie glücklich bis an ihr Lebensende' aufhörten." Katherine kichert, dreht sich zur Seite und entlässt uns damit gewissermaßen nach unten.

"Ich war an der Tanke und hab uns Snickers besorgt, Schatz", flüstert Jeff, kaum dass wir aus ihrer Tür sind. In Katherines Anwesenheit vermeiden wir es, so überzuckerte Süßigkeiten zu essen. Ihre Ernährung ist auf Sportler abgestimmt: viel Eiweiß und Gemüse. "Gin Tonic steht bereit", fügt er hinzu. Wir dagegen ernähren uns wie ein typisches Paar in den Vierzigern, das schon ewig zusammen ist und das die zusätzlichen Pfunde des jeweils anderen liebevoll "Hüftgold" oder "mehr Masse zum Liebhaben" nennt; falls wir überhaupt irgendetwas dazu sagen. Wir lassen uns vor unserem überdimensionierten Fernseher nieder. Jeff sagt, ich darf den Film aussuchen. Weil er die extragroßen Snickers gekauft hat, wähle ich einen Politthriller, von dem ich weiß, dass er ihm gefällt.

Der Film schafft es, ungefähr sechzig Prozent meiner Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Weitere dreißig Prozent nutze ich, um im Geist durchzugehen, was ich morgen alles erledigen muss:Was packe ich Katherine zum Mittagessen ein? Ist ihre Schuluniform sauber und gebügelt? Ich darf nicht vergessen, ihr das Geld für den Klassenausflug ins Theater mitzugeben. Die restlichen zehn Prozent meiner Gedanken sind damit beschäftigt, mir wieder einmal selbst zu versichern, wie verdammt froh ich sein kann, und ein stilles Dankgebet hinaufzuschicken an ... wer auch immer zuhört. Wer auch immer es ist, dem ich dankbar sein muss. Nichts ist perfekt, heißt es, und während das natürlich zutrifft – der Weltfrieden rückt in immer weitere Ferne, die Warteschlange, die man nicht gewählt hat, löst sich jedes Mal schneller auf –, steht es für uns richtig gut. Nie hätte ich geglaubt, dass es einmal so werden würde. Ich bin dankbar. Sehr, sehr dankbar. Ich liebe Jeff. Ich liebe meine Tochter. Ich habe unglaubliches Glück gehabt. Ich bin sicher. Das erzähle ich jedem, immer und immer wieder, bevor irgendwer mein glänzendes Schicksal durch einen neidischen Blick oder einen bösen Spruch trüben kann. Ich bin ein Glückspilz. In Sicherheit.

Das sage ich mir jedenfalls selbst.

Dreißig Jahre zuvor

Kein einziger Lehrer hörte ihr zu, als sie sagte, sie wolle Anwältin werden. Mr. Potter, offiziell der Berufsberater der Schule, grinste sogar. Er war echt ein trauriger Fall. Wohnte immer noch bei seiner Mutter, ging mit einem Einkaufsnetz einkaufen. Es hätte Alison egal sein sollen, was er überhaupt über irgendwas dachte. War es aber nicht, denn diese Erwachsenen bestimmten alles, entschieden alles. Potter war unglaublich entmutigend und herablassend. Sie hätte ihm am liebsten in sein dummes Gesicht geschlagen. Er fragte sie, ob sie überhaupt eine Vorstellung davon habe, was es bedeute, Anwältin zu sein. Nein, hatte sie natürlich nicht. Sie kannte keine Anwälte, sie hatte bloß welche im Fernsehen gesehen. Aber sie wollte wissen, was sie machten, das war der Punkt. Wie man Anwalt werden konnte. Jemand wie sie. Potter fragte, ob irgendwer aus ihrer Familie zur Universität gegangen sei. Wichser. Er kannte die Antwort. Er wollte bloß hören, wie sie es zugab. Ihr Vater war Taxifahrer. Weiß der Geier, was ihre Mutter war. Schlampe hatten die meisten sie genannt, als sie noch in der Gegend wohnte. Lange her. Unwahrscheinlich, dass sie Anwältin war, so viel wusste Alison. Eher auf der falschen Seite des Gesetzes.

"Hast du schon mal an Krankenschwester gedacht?", fragte Potter.

"Ich kann kein Blut sehen."

"Hast du Maschinenschreiben gelernt?" Er griff nach dem Ordner, der zwischen ihnen auf dem Tisch stand, und blätterte ihn auf der Suche nach ihrer Fächerkombination durch. Offensichtlich fand er das betreffende Schriftstück nicht, also erlöste sie ihn.

"Nein."

"Schade. Das ist sehr nützlich."

Ob zu Recht oder nicht, Alison betrachtete Maschinenschreiben als die Alternative für dumme Mädchen; für die Sorte, die mit vierzehn beim Ausschuss gelandet waren, als die Noten der Prüfungen im Sommer bestimmten, ob ein Schüler Chemie, Physik und Biologie belegen durfte oder bloß Sachkunde; als bestimmt wurde, ob man Geografie und Geschichte lernen würde oder Maschinenschreiben und Kochen. Sie war nicht dumm. Sie war arm. Das verwechselten die Leute häufig. Sie hatte gute Ergebnisse in den Prüfungen erzielt, auch wenn diese Tatsache kollektive Verwunderung bei Lehrern und Mitschülern hervorrief. Man ging im Allgemeinen davon aus, dass die Schüler aus den Sozialwohnungen irgendwo am Bodensatz herumkrebsten, bis sie mit sechzehn von der Schule gingen. Die aus den schicken Doppelhaushälften hatten vielleicht geguckt, als sie zum ersten Mal in eine der Spitzenklassen marschiert war. Ein Lehrer hatte sie sogar gefragt, ob sie sich verlaufen hätte. Idiot.

"Hier sind ein paar Informationsblätter über die Armee. Das ist heutzutage auch eine Berufsmöglichkeit für Mädchen, weißt du." Potter hatte die Brauen hochgezogen, als wollte er ein gewisses Erstaunen ausdrücken und gleichzeitig Ermunterung aussprechen. Alles an ihm, sein herablassendes Gehabe, sein selbstzufriedenes Grinsen, ja selbst der Schweiß, den er mit seinem Taschentuch abwischte, schien zu sagen: Donnerwetter, was bin ich doch für ein Held. Was würdest du ohne mich nur anfangen? Als wäre er Rambo, Mad Max und Indiana Jones in einer Person. Sie wusste, dass er dieselben Infoblätter an drei Viertel des Jahrgangs verteilt hatte. Die Armee ließ sie drucken, um Nachwuchs an Schulen wie ihrer zu rekrutieren. Potter musste gar nichts tun. Die einzigen Schüler, die irgendeine individuelle Beratung bekamen, was ihre weitere Ausbildung betraf, waren wahrscheinlich die Handvoll, deren Eltern selbst aufs öffentliche Gymnasium und anschließend zur Uni gegangen waren, aber noch an einer linksorientierten Einstellung festhielten und ihren Nachwuchs deshalb nicht auf Privatschulen geschickt hatten. Die Zahnarztkinder, die Tierarztkinder, die Lehrerkinder. Auch wenn die vermutlich gar nicht in Potters schäbiges kleines Büro – in der Tat kaum mehr als ein Schrank – kamen, weil ihre Eltern ihnen alles erzählten, was sie über die Zulassung zur Universität wissen mussten. Es muss schön sein, dachte Alison, jemanden zu haben, der einem den Rücken stärkt.

"Bei der Armee könntest du die Welt bereisen, weißt du, interessante Menschen kennenlernen –"

"Und sie umbringen, ich weiß. Mein Freund hat einen Kaffeebecher, auf dem das steht."

Als Alison das Büro verließ, hingen ihre Schultern praktisch bis zum Boden. Sie wusste, sie hätte erhobenen Hauptes hinausgehen sollen, das Kinn vorstrecken, Potter irgendwie zeigen, dass sie lebendig war, aufmerksam, ehrgeizig und erfüllt. So erfüllt von Sehnsucht. Aber sie hatten ihre Energie aufgezehrt. Potter. Die Schule. Dieses Kaff. So fernab von allem.

Fernab von der Glitzerwelt, die sicher existierte.

Sie sah sie manchmal. Diese Glitzerwelt. Sie strahlte aus Fernsehserien wie Das Model und der Schnüffler, Denver-Clan oder Dallas in ihr Wohnzimmer, nahm Form an in gewaltigen weißen Ledersofas, paillettenbesetzten Kleidern und merkwürdigen Nahrungsmitteln wie Hummer oder BLT-Sandwiches. Allerdings waren das alles amerikanische Serien. Vielleicht würde sie so weit fahren müssen, um etwas Glanz zu finden. Und Erfolg. Aber wie sollte sie jemals nach Amerika kommen? Sie war mal in Spanien gewesen, aber das war's. Reisen in fremde Länder schien ihr so, na ja, fremd. Ihr Leben war, ehrlich gesagt, eher wie Brookside oder EastEnders. Unbedeutend, eng, düster. Es musste doch mehr geben, selbst hier in England. Unten im Süden irgendwo? Vielleicht dort? Die Werbung versprach es jedenfalls. In der Werbung hatten die Frauen immer glänzendes Haar und samtige Haut – sie sahen alle ein bisschen aus wie Prinzessin Diana, nur nicht so gut. Die Leute sprachen mit sanften, vornehmen Stimmen. Familien aßen Getreideflocken zum Frühstück. Mütter kochten mit Brühwürfeln. Kinder freuten sich, wenn ihr Vater nach langer Fahrt von der Arbeit nach Hause kam. Gemütliche Küchen, geheizte Wohnzimmer, jede Menge Essen.

Bei Steve zu Hause war es ein bisschen so. Warm. Mit ein paar deutlichen Unterschieden allerdings. Sein Vater war Bauarbeiter, nicht Bankangestellter, und seine Mum arbeitete in einer Firma, die die Wäsche für örtliche Restaurants und Hotels reinigte, und war deshalb selten vor ihrem Mann daheim. Ihr Haus war auch nicht so sauber wie die in der Werbung. Oft stapelten sich Geschirr und Bügelwäsche, die sortiert werden musste. Niemand sprach mit sanfter, vornehmer Stimme, es wurde ständig geschrien, gescherzt und gelacht. Die Witze waren meistens ziemlich derb, besonders die von Steves Dad – "He, du Schweinigel, es reicht", sagte seine Mutter manchmal und schlug mit dem Geschirrtuch nach ihm –, aber es war warm.

Im doppelten Sinne des Wortes.

Wenn Alison zu Besuch kam, hatte sie oft das Gefühl, innerlich aufzutauen. Urlaub von sich selbst: verlassen und einsam. Hier war sogar das Geschirrhandtuchschlagen liebevoll.

Die Samstage waren das Allerbeste, denn bevor sie und Steve ins Kino gingen, bekam sie Tee angeboten, und sie aßen Steaks mit Röstzwiebeln, Pommes Frites und Bohnen. Jeden Samstag! Steak. Unglaublich! Steves Mum bereitete es so zu, dass der Saft noch herauslief, wenn sie es vor einen hinstellte. Fett und Blut schwammen auf dem Teller, aber irgendwie sah es lecker aus. Man musste schnell die Pommes zur Seite schieben, damit sie nicht feucht wurden, aber das Auftunken dieser Brühe mit Brot und Butter war himmlisch, oder so nah dran, wie Alison dem je gekommen war. Sie aßen gemeinsam am Tisch. Die ganze Familie. Steve, seine Mum und sein Dad, seine zwei Schwestern, seine Tante, manchmal Steves Bruder, wenn er zu Hause war, und Alison. Sie mussten eng zusammenrücken, aber es war schön. Alison und ihr Dad aßen selten zusammen, und wenn sie es mal taten, dann mit dem Teller auf den Knien vor dem Fernseher.

Bei Steve musste Alison hinterher nicht abräumen. Seine Mum sagte immer, sie sollten sehen, dass sie fortkämen. Steve bekam den Schlüssel vom Renault seines Vaters und Geld für Popcorn, als wäre er noch ein Kind. Das Popcorn im Kino war unverschämt teuer. Alison ließ Steve nicht das hart verdiente Geld seiner Mutter dafür verschwenden. Stattdessen investierten sie es im Supermarkt in süßes Gebäck und Schokoriegel, die sie nach dem Film aßen, im Auto in einer ruhigen Seitenstraße. Mit vollem Magen fühlte sie sich immer begehrenswerter. Das Essen wärmte sie so sehr auf, dass sie den BH ausziehen wollte.

(Continues…)



Excerpted from "Bis Du Alles Verlierst"
by .
Copyright © 2017 MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH.
Excerpted by permission of HarperCollins Germany GmbH.
All rights reserved. No part of this excerpt may be reproduced or reprinted without permission in writing from the publisher.
Excerpts are provided by Dial-A-Book Inc. solely for the personal use of visitors to this web site.

Customer Reviews