Bei deinem Leben: Thriller

Bei deinem Leben: Thriller

by Adele Parks

NOOK Book(eBook)

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Overview

Kann man jemandem wirklich vertrauen, den man online kennengelernt hat? Oder sieht man nur das, was man sehen will? Anna und Zoe sind Zwillinge - identisch in ihrer Erscheinung und grundverschieden in ihrer Persönlichkeit. Doch sie sind sich so nah, dass nichts oder niemand sie trennen kann. Bis Anna den charismatischen Nick kennenlernt. Die draufgängerische Zoe hat Angst, dass Anna, hofflungslos romantisch, wieder einmal betrogen wird. Sie traut Nick nicht. Sie setzt alles daran, ihn als Lügner zu enttarnen. »Packend, voller Überraschungen und herzzerreißend - diese Geschichte ist außergewöhnlich.« Heat »Spannung vom Anfang bis zum Ende, geschickt wird die Lösung immer wieder angezweifelt.« Mainhattan Kurier

Product Details

ISBN-13: 9783959677615
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 07/02/2018
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 464
File size: 4 MB

About the Author

Adele Parks wurde in Teesside, im Nordosten Englands, geboren. Sie hat Anglistik in Leicester studiert und danach in der Werbebranche gearbeitet. Bereits im Jahr 2000 erschien ihr erster Roman. Seitdem hat sie fünfzehn Bücher veröffentlicht, die alle zu Bestsellern wurden. Adele Parks lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn und einer Katze in Guildford, Surrey.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Anna

Zoe bekam sich vor Lachen kaum ein, als sie Annas Onlinedating-Profil las. War ja klar. Sie konnte so gemein sein. Manchmal war es wirklich verletzend. »Das kannst du doch nicht schreiben. Das geht einfach nicht«, prustete sie los. Ihre Stimme kam von weither und dröhnte doch so laut in Annas Kopf, dass sie alles andere übertönte.

Wie so oft bereute Anna, Zoe angerufen zu haben. Wenn sie sich nicht meldete, würde Zoe sich dann jemals bei ihr melden? Anna schob den Gedanken beiseite. Sie hatte jetzt keine Lust, ihre verzwickte Beziehung zu analysieren. Jeder wusste, dass Familien kompliziert und schwierig sein konnten. Anna war überzeugt, dass man trotzdem weitermachen musste. Seine Freunde konnte man sich aussuchen, seine Familie aber nicht. Man musste sie trotz allem lieben. Das waren nun mal die Regeln.

»Warum kann ich das nicht schreiben?«, antwortete sie deshalb. »So fühle ich mich eben.«

»Fühlen?«, wiederholte Zoe und legte reichlich Verachtung in das Wort.

Manche Menschen kommen als Romantiker auf die Welt und bleiben es ein Leben lang, aber die sind rar gesät. Die meisten werden nach und nach durch eine Reihe abgesagter Verabredungen, furchtbarer Verabredungen, weißer Lügen und ziemlich schwarzer Lügen ernüchtert. Sie werden gefühllos. Kalt. Zoe wurde schlicht und einfach so geboren. Hart wie Granit. Manchmal war es schwer zu glauben, dass sie und Anna demselben Keim, demselben Mutterleib entstammten. Sie waren sogar monochorialmonoamniotische Zwillinge. Die allerseltenste Art, die nur ein Prozent der eineiigen Zwillinge überhaupt ausmacht. Nur um Haaresbreite entfernt von siamesischen Zwillingen. Ihre Nähe zueinander war wissenschaftlich erwiesen, sie hatten sich eine Fruchtblase und eine Plazenta geteilt. Es hatte nur eine Nachgeburt gegeben. Anna sagte sich immer, sie wären ihr jeweiliges Yin und Yang. Sie glichen einander gegenseitig aus. Nur dass sie sich in diesem Moment nicht ausgeglichen, sondern überfordert fühlte.

»Schreib doch, du wärst neunundzwanzig«, beharrte Zoe.

»Das bin ich aber nicht. Ich bin einunddreißig. Ich möchte nicht lügen.«

»Sieh den Tatsachen ins Auge. Männer stehen nun mal auf jüngere Frauen, AnnaBaby«, argumentierte Zoe mit leicht geheucheltem Bedauern.

»Ich weiß, aber machen denn zwei Jahre einen Unterschied?«

»Ja, wenn du jenseits der magischen Drei-Null bist, schon. Alarmglocken. Panikanfälle. Angstzustände.«

Auch wenn Zoe Anna überredete, ihr wahres Alter zu verbergen, war das nichts, worüber sie persönlich sich im Geringsten sorgte. Zoe war keine Sklavin der tickenden biologischen Uhr, sie hörte sie nicht einmal schlagen. Die Sache mit dem Kinderkriegen hatte sie noch nie interessiert. Anna hingegen dachte viel darüber nach. Sie war früher immer am glücklichsten gewesen, wenn sie mit ihren Puppen spielen konnte, während Zoe auf Bäume kletterte oder mit halsbrecherischem Tempo auf ihrem Rad davonsauste, natürlich ohne Helm. Anna blieb gerne zu Hause und richtete es sich gemütlich ein, während Zoe stets auf Abenteuer aus war und das Risiko suchte. Dennoch war Zoe bisher immer diejenige, die Männer in ihrem Leben hatte. Sie lagen ihr praktisch zu Füßen, während Anna in Herzensdingen wenig erfolgreich war.

Dabei dürfte es doch nicht so schwer sein. Alles, was sie wollte, war, einen geeigneten Mann kennenzulernen – einen treuen, liebevollen, einfühlsamen Mann. Wenn er dazu noch gut aussähe und Humor hätte, wäre das umso besser. Wenn er sich eine Horde von Kindern wünschte, nichts lieber als das, aber solange es wenigstens zwei waren, war Anna zufrieden. Vermögen wäre großartig, aber Anna war nicht geldgierig. Wenn er nur ein bescheidenes Einkommen hätte, aber alle anderen Kriterien erfüllte, wäre sie immer noch glücklich. Hauptsache, er war ein anständiger Kerl und sie konnte ihm vertrauen.

Anna wusste genau, was eine perfekte Hochzeit ausmachte. Das Kleid musste ein Traum aus Spitze sein, mit schmaler Taille und weitem, fließendem Rock. Kate Middleton hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – was konnte prinzessinnenhafter sein als das Kleid der Prinzessin selbst? Mit eng gebundenen weißen Rosen lag man nie falsch. Sechs Brautjungfern wären wunderbar, und dazu zwei Blumenmädchen. Die Speisekarte würde sie auf Tortenspitze drucken lassen, sie plante ein Feuerwerk, weiße Tauben, ein Streichquartett, eine Liveband. My Baby Just Cares For Me von Nina Simone würde ihr erster Tanz sein. Ihre Kinder würden sie Freddie und Maggie taufen.

Sie hatte alles genau vor Augen. Den Antrag, die Hochzeitstage, die Geburten und die ersten Schultage.

Nur wie der Bräutigam aussehen würde, wusste sie noch nicht. Oder wie er hieß. Oder wo er war. Aber irgendwo auf diesem Planeten musste er schließlich sein, oder?

Soweit Anna wusste, hatte Zoe noch nie einen Gedanken an ihren Hochzeitstag verschwendet. Höchstens um festzustellen, dass die Ehe nichts anderes als männlich dominierte Sklaverei sei und sie sich lieber die Hand abbeißen würde, als sich einen Ring auf den Finger stecken zu lassen. Und natürlich war Zoe diejenige, nach deren Pfeife die Männer tanzten und die reihenweise Herzen brach.

»Hast du denn nie Angst davor, einsam zu sein?«, fragte Anna.

»Nein. Allein sein und einsam sein ist schließlich nicht dasselbe. Abgesehen davon habe ich doch dich, oder?«

»Ja, klar.«

»Wir haben uns. Für immer und ewig.«

Der Gedanke war irgendwie tröstlich und beängstigend zugleich.

»Es kommt mir einfach falsch vor, bei meinem Alter zu lügen. Was ist das denn für ein Anfang für eine Beziehung?«

Zoe lachte ihr leicht manisches, mitleidloses Lachen. »Was? Einen Haufen OnlineVersager auf einer Datingplattform anzulügen, findest du verwerflich? Ich würde sagen, es geht gar nicht anders.«

»Wie bitte? Versager? Muss ich dich daran erinnern, dass ich gerade dabei bin, mein eigenes Profil hochzuladen und mich ihnen anzuschließen?«

»Sorry, hab ich Versager gesagt? Ich meinte Fremde. Hör zu, Anna, keiner von denen wird jemals die Wahrheit schreiben. Der Typ, der behauptet, er sei 1,85 groß, misst nur 1,75. Der Typ, der sagt, er würde wandern, gerne Ski und Mountainbike fahren, hat sich bis auf die Ausübung der Missionarsstellung noch nie körperlich betätigt. Obwohl, vergiss es, in Wahrheit schafft er es nicht mal da nach oben.«

»Hör auf, Zoe. Kannst du mich nicht mal ein bisschen unterstützen?«

»Tu ich doch, indem ich dir rate, nicht die Wahrheit über dein Alter zu schreiben. Wenn du mit der Sache Erfolg haben willst, solltest du besser lernen, wie der Hase läuft. Regel Nummer eins: Männer bevorzugen jüngere Frauen.«

Es folgte ein Moment angespannten Schweigens. Anna zählte bis zehn und versuchte, Ruhe zu bewahren. Zoe überlegte vermutlich, wie sie ihre nächste Stichelei formulieren sollte.

»Außerdem kannst du dein Profil nicht mit den Worten Meine Freundinnen sagen, ich sei romantisch, zurückhaltend, zuverlässig und ehrlich beginnen.« »Das sagen sie aber.« Beziehungsweise hatten sie gesagt. Ihre amerikanischen Freundinnen.

Hier in England hatte Anna noch nicht viele gefunden. Selbst mit Skype, Facetime, Facebook und E-Mails war es nicht leicht, den Menschen nahe zu bleiben, die sie vor zwei Jahren in New York zurückgelassen hatte. Obwohl sie fortgegangen war, schienen seltsamerweise ihre Freundinnen in Manhattan diejenigen zu sein, die sich weiterentwickelt hatten. Sie machten nicht mehr länger in High Heels die Stadt unsicher und tranken Mojitos. Die meisten von ihnen hatten in den letzten Jahren geheiratet, waren vom Antrag zur Hochzeit zur Schwangerschaft gesprintet und jetzt damit beschäftigt, den Kindergarten für ihren Nachwuchs auszusuchen. Das Tempo, mit dem diese Frauen so viel erreicht hatten, verursachte Anna Schwindel. Schwindel und, na ja, Neid. Sie gab sich Mühe, dieses Gefühl zu unterdrücken. Neid passte nicht zu einem »netten Mädchen«, und das war sie, wirklich. Zweimal hatte sie für teuer Geld den Atlantik überquert, um an Hochzeitsfeiern teilzunehmen, hatte gefühlte tausend Geschenke zu Verlobungen, Eheschließungen und Taufen verschickt, zu denen sie nicht fliegen konnte, hatte mit ihren Freundinnen über Facetime kommuniziert und dabei zugesehen, wie sie Kartoffelbrei in die kleinen rosa Münder ihrer Erstgeborenen schoben. Sie hatte es versucht, aber mit der Zeit war es immer schwieriger geworden, das Interesse für die überschwänglichen (anstrengenden!) E-Mails über die Farbe von Brautjungfernkleidern und Babykacke aufrechtzuerhalten. Das hatte sie Zoe gegenüber einmal erwähnt, worauf die mit den Schultern zuckte und irgendwas von Hochzeit, Nachwuchs, Alimente murmelte. »Erst wenn sie beim Unterhalt ankommen, sind sie als Freundinnen wieder zu gebrauchen.«

Anna hatte ein finsteres Gesicht gemacht. Sie wollte nicht, dass irgendeine ihrer Freundinnen sich scheiden ließ. Über diese Seite der Medaille wollte sie nicht nachdenken. Was immer die Statistik auch sagte.

In London neue Freunde zu finden, war leider nicht so einfach, wie Anna gehofft hatte. Londoner, so musste sie feststellen, begrüßten ihre neuen Nachbarn nicht mit Bergen von Keksen und Muffins. Sie erinnerte sich noch daran, wie ihre Familie nach Bridgeport, eine Autostunde nördlich von New York, gezogen war, als sie und Zoe neun waren. Die herzliche Begrüßung hatte sie überwältigt. Ihre neuen Nachbarn waren alle ganz versessen darauf gewesen, ihre Freunde zu werden, und hatten sie mit Selbstgebackenem, Zahnarztempfehlungen, Hinweisen auf die beste Reinigung und den besten Frisör, Einladungen zu Grillpartys und Abendessen förmlich überschwemmt. Zoe war der festen Überzeugung gewesen, dass die Leute sich nur wegen ihres nordenglischen Tonfalls für sie interessierten oder wegen der angesehenen Jobs ihrer Eltern oder weil eineiige Zwilling nun mal faszinierend waren. Und dass ihr Interesse irgendwann nachlassen würde. Sie irrte sich. Bald schon verband die Familie Turner eine feste Freundschaft mit den liebenswürdigen amerikanischen Nachbarn. Inzwischen verspeisten sie seit über zwanzig Jahren gemeinsam fette Truthähne und dicke glasierte Kürbisse an Thanksgiving, bestaunten an jedem 4. Juli das Feuerwerk, das schillernd in der schwarzen Nacht verglühte, und die Zwillinge waren an jedem Halloween mit den Nachbarskindern von Tür zu Tür gezogen, um haufenweise Süßigkeiten einzusammeln.

Auch in schweren Zeiten waren diese Freunde für sie da gewesen. In schrecklichen, kaum zu ertragenden Zeiten.

Seit Anna nach London gezogen war, wohnte sie hingegen ganz allein in einer Wohnung im dritten Stock in der Nähe der U-Bahnstation Tooting Bec. Auf ihrer Etage wohnte auch noch ein Paar in ihrem Alter. Sie hatte auf eine Einladung zum Abendessen gehofft, aber bisher beschränkte sich ihr Umgang auf verlegene Begegnungen an der gelben Tonne. Freundschaften zu schließen erforderte Zeit, Ausdauer und Energie. Anna besaß zwar alles drei im Überfluss, aber sie setzte es lieber für ihren Job ein – und für ihr Projekt, einen potenziellen Ehemann zu finden. Außerdem hatte sie ja Zoe. Die, obwohl sie nicht einmal in England lebte, doch so viel Raum einnahm.

Anna versuchte, ihr Profil zu verteidigen. »Aber meine Freunde sagen wirklich, ich sei romantisch, zurückhaltend, zuverlässig und ehrlich.«

»Ja, sagen sie. Leider.«

»Also, ich schreibe jedenfalls nicht, ich sei sexy, anspruchsvoll und ungeduldig. Das wäre dann eher dein Profil.«

»Ich habe nicht wirklich etwas gegen diese Adjektive, obwohl ich nicht unbedingt glaube, dass es die geeignetsten für dieses Vorhaben sind. Mein Einwand zielt auf die Worte: Meine Freundinnen sagen. Das zeigt einen Mangel an Selbstbewusstsein. Du müsstest dich doch selbst besser kennen als jeder andere. Du müsstest dich ohne diese Einleitung präsentieren können.«

Anna schreckte vor diesem Gedanken zurück. Wie hätte sie Ich bin romantisch, zurückhaltend, zuverlässig und ehrlich schreiben können? Das klang so arrogant.

»Und was den nächsten Absatz betrifft, bin ich mir auch nicht sicher«, fuhr Zoe fort. »Ich mag lange Spaziergänge (besonders am Strand), ich gehe gern ins Kino (von Blockbuster bis Avantgardefilm), und ich liebe nichts mehr als ein gemütliches Wochenende mit Zeitunglesen und traditionellem Sonntagsbraten im Pub.«

»Was ist denn daran verkehrt?«

»Du bist Vegetarierin, also ist das am Schluss schon mal gelogen. Macht deine Behauptung, ehrlich zu sein, ziemlich zunichte.«

Anna errötete. »Es ist nicht wirklich gelogen. Ich gehe gern in den Pub, um da einen Nussbraten zu essen, aber wenn ich Nussbraten schreibe, na ja, dann klingt es völlig anders.«

»Ja, da hast du ausnahmsweise recht. Du solltest auf keinen Fall schreiben, dass du Vegetarierin bist. Dann antworten bloß dürre, blasse Typen. Aber was ich eigentlich meine, ist, du könntest genauso gut schreiben: Ich gucke zu viele Liebesschnulzen und glaube fest an das ewige Glück. Besonders liebe ich den Teil, wo sie sich kriegen. Echt schaurig.«

Anna war mit ihrem Latein am Ende. Sie glaubte wirklich an das ewige Glück. »Was würdest du denn schreiben?«

»Keine Ahnung. Ich würde mich gern mal fesseln lassen und bin neugierig, wie es ist, einen Dreier zu haben, vielleicht.«

»Zoe! Bleib ernst.«

»Das bin ich. Du würdest garantiert bergeweise Antworten kriegen.«

»Ja, aber von ganz furchtbaren Menschen.«

»Menschen, die Sex mögen, sind nicht furchtbar, Anna.«

Anna wusste nicht, was sie antworten sollte. Sex machte ihr Angst. Na ja, nicht direkt Angst, aber er verwirrte sie. Sie hatte schon Beziehungen gehabt, drei, um genau zu sein, und der Sex war ganz schön gewesen, nachdem sie sich einmal daran gewöhnt hatte. Manchmal sogar ziemlich angenehm. Aber am liebsten mochte sie immer das Kuscheln hinterher, wenn sie das Glück hatte, dass es stattfand. Sie genoss noch nicht einmal das Vorspiel, weil es, nun ja, so offensichtlich zu etwas Bestimmtem führte. Dazu. Und das verunsicherte sie.

Sie war bestimmt nicht besonders gut beim Sex. Sie mochte ihn eben nicht sonderlich. Was in der Zeit, in die sie hineingeboren wurde, eine ziemliche Katastrophe war. Im Viktorianischen Zeitalter, in dem von einer Frau nichts weiter erwartet wurde, als dass sie sich zurücklehnte und an England dachte, wäre ihre Schüchternheit, die sich in mangelnder Fantasie im Bett manifestierte, sicher ein Qualitätsmerkmal gewesen. Heutzutage erwartete man von Frauen, dass sie selbstbewusst, experimentierfreudig und verdorben waren. Da gab es sicher irgendein geheimes Talent – so wie das intuitive Wissen beim Tennis, wie man den Schläger hält und wann man ihn schwingt –, das sie dummerweise nicht besaß. Und man konnte schließlich nicht irgendeinem Club beitreten und Sexunterricht nehmen. Glaubte sie jedenfalls. Selbst wenn, wäre sie viel zu schüchtern, um davon Gebrauch zu machen. Überzeugt davon, dass alle anderen enormes Wissen daraus schöpften, das ihr fehlte, hatte sie versucht, Fifty Shades of Grey zu lesen. Doch dass diese Ana schon multiple Orgasmen bekam, wenn Grey sie nur ansah, hatte sie nur noch mehr verstört. Wie sollte das gehen? Wie? Sie hatte erst mehrere beruhigende Onlinebesprechungen über das Buch lesen müssen, um zu erfahren, dass andere das auch lächerlich fanden.

Anna war eine Spätentwicklerin gewesen. Sie hatte eine sehr elitäre Mädchenschule besucht. Ihre Mutter hatte die Zwillinge zur Schule gefahren, bis sie achtzehn waren, die Gelegenheiten, Jungen kennenzulernen, waren also rar gesät, zumindest für sie. Die eigensinnige Zoe hatte es irgendwie geschafft. Aber Anna hatte sich an die Regeln gehalten, sich darauf konzentriert, gute Noten zu bekommen und ihre Sehnsüchte auf irgendeinen unerreichbaren Sänger der gerade aktuellen Boygroup beschränkt.

Glücklicherweise gab es in ihrer Collegeclique einige Mädchen, die ziemlich religiös waren und Sex vor der Ehe ablehnten. Zoe hatte das nur für einen Trick gehalten, um das Interesse der Männer noch mehr anzuheizen. »Schließlich mag jeder die Herausforderung.« Aber Anna hatte auf diese Weise immerhin ein paar Leute gehabt, mit denen sie ausgehen konnte, ohne dass sie von ihr erwarteten, ein Dutzend Sexualpartner zu haben, bevor sie ihren Abschluss machten. »Von wegen ausgehen, eher sich einigeln«, hatte Zoe geschimpft.

Dann verliebte Anna sich. Unsterblich. Sie konnte nicht essen, nicht schlafen, kaum sprechen, wenn sie in seiner Nähe war. Als er anfing, ihr Beachtung zu schenken, wurde alles nur noch schlimmer. Sie verabredeten sich, wurden ein Paar. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Er hatte sich für sie entschieden. Er hatte eine unerschöpfliche Auswahl, und doch liebte er sie!

Eine Weile.

Dann nicht mehr.

Selbst jetzt musste sie bei dem Gedanken daran noch blinzeln, um die Tränen zurückzuhalten.

(Continues…)


Excerpted from "Bei deinem Leben"
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