Corpus: Roman

Corpus: Roman

by Rory Clements, Sepp Leeb

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

1936: Eine Mordserie erschüttert Cambridge. Internationale Kräfte kämpfen um Einfluss. Der nächste Weltkrieg steht kurz bevor. Europa ist in Aufruhr. Die Nazis haben das Rheinland besetzt, Stalin entfesselt in Russland den großen Terror, in Spanien ist der Bürgerkrieg ausgebrochen. Eine Studentin aus Cambridge reist nach Berlin, um einem jüdischen Wissenschaftler gefälschte Papiere zu überbringen. Wenige Wochen später wird sie tot aufgefunden. Nur ihre beste Freundin Lydia glaubt nicht an einen Unfall und vertraut ihren Verdacht Thomas Wilde an. Der Geschichtsprofessor ist in der Universitätsstadt ein Außenseiter, allein schon weil er Amerikaner ist. Dann wird ein politisch exponiertes Ehepaar ermordet. Wilde muss all sein Wissen und Können unter Beweis stellen, um weitere Morde zu verhindern und um die Frau zu retten, die er liebt.  

Product Details

ISBN-13: 9783843716031
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 11/17/2017
Series: Ein Thomas-Wilde-Roman , #1
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 420
File size: 2 MB

About the Author

Rory Clements, geboren in Dover, war Redakteur und Herausgeber bei mehreren Tageszeitungen. Seit 2007 lebt er als Schriftsteller mit seiner Familie in Norfolk, England. Seine historischen Romane, allen voran die Serie um John Shakespeare, einen Spion im Tudor-England, machten ihn zu einem erfolgreichen und beliebten Bestsellerautor.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Der Mann war grauhaarig und etwa fünfzig Jahre alt. Er hatte eine schwarze Aktentasche und trug eine schwarze Hose und ein braunes Leinenjackett, dazu ein weißes Hemd und eine gestreifte Krawatte, aber keinen Hut. Bis auf die weißen Socken und die braunen Sandalen sah er aus wie ein typischer Büroangestellter. Weiße Socken und Sandalen. An einem Werktag, mitten im Verkehrschaos des Potsdamer Platzes im Zentrum von Berlin. Er stand neben ihr am Gehsteigrand und wartete darauf, die Straße zu überqueren.

Beschattete er sie?, fragte sich Nancy Hereward, als sie ihn von der Seite kurz prüfend ansah. Unsinn! Fast musste sie über sich selbst lachen. Dann wäre er sicher nicht so auffällig gekleidet.

Als sich zwischen den Straßenbahnen, Bussen, Autos und Pferdefuhrwerken eine Lücke auftat, hastete der Mann auf die andere Straßenseite. Nancy wartete.

Auf der Kreuzung regelte ein Polizist mit weißen Handschuhen den Verkehr. An einem Zeitungskiosk studierten zwei junge Frauen mit Sonnenbrillen die Postkarten. Sie trugen flache Schuhe und luftige, kurzärmelige Sommerkleider. Nancys erster Gedanke war, dass sie Touristinnen waren wie sie. Aber dafür wirkten sie zu vertraut mit ihrer Umgebung, und ihre Schuhe sahen nicht so aus, als hätten sie vor, lange Wanderungen durch die Stadt zu unternehmen.

Nancy merkte, dass sie jeden, der ihr unter die Augen kam, argwöhnisch beäugte. War der Betreffende vielleicht ein Zivilpolizist? Sie zog sich den Sonnenhut tiefer ins Gesicht. Ihre Hände waren feucht, ihr Kleid klebte an ihrem Körper. Sie drückte ihre kleine Umhängetasche fester an ihre Seite und ging los.

Es war später Nachmittag, aber immer noch drückend heiß. Sie und Lydia waren in der Station »Reichssportfeld« am Olympiastadion in die U-Bahn gestiegen und zwei Stunden lang über die breiten Boulevards um Friedrichstraße und Unter den Linden gebummelt. Inzwischen war sie allein unterwegs; sie hatte sich den Weg auf dem Stadtplan genau eingeprägt.

Die Stadt war voll von Touristen, die wegen der Olympischen Spiele nach Berlin gekommen waren. Niemand folgt dir, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie atmete ein paarmal tief durch und begann, schneller zu gehen.

Mein Gott, warum stellte sie sich bloß so an? Wie eine blutige Anfängerin. Sie hatte genaue Anweisungen erhalten, wie sie sich zu verhalten hatte, wie sie potentielle Verfolger abschütteln und einen Schatten erkennen konnte. Aber das war alles graue Theorie, das hier war die raue Wirklichkeit.

Der Mann mit den Sandalen war im Menschengewühl verschwunden. Vielleicht war er einer von vielen gewesen, vielleicht war er von jemand anderem abgelöst worden. Nancy hatte sich so unauffällig wie möglich zu kleiden versucht, mit einem unscheinbaren grünen Kleid, das Haar zu einem Zopf geflochten und hochgesteckt. Lydia hatte sie deswegen in ihrem Hotelzimmer etwas eigenartig angesehen, aber Nancy hatte nur gesagt: »Ich weiß schon, was du denkst: Ich sehe aus wie so eine blöde blonde Waltraud.« Lydia hatte eine Augenbraue hochgezogen. »Waltraud« war ihr Spitzname für Dirndl tragende BDM-Mädchen, die sich weder schminkten noch rauchten. Es gab kaum jemand, der weniger dem Bild eines properen Jungmädels entsprach als Nancy Hereward, und sie hatten beide lachen müssen.

Sie ging in südwestlicher Richtung. An jeder Straßenecke und an jedem öffentlichen Gebäude flatterten Hakenkreuzfahnen. Jede kam ihr wie eine persönliche Drohung vor. Sie bog in eine Nebenstraße und blieb vor einer Metzgerei stehen, um durch das Schaufenster geistesabwesend auf die Würste in der Auslage zu starren. Als eine alte Frau auf sie zukam, fuhr sie erschrocken zusammen. Doch die Frau steckte nur einen Brief in den roten Reichspostbriefkasten neben dem Eingang der Metzgerei und entfernte sich wieder. Blinder Alarm. Niemand folgte ihr.

Sie ging wieder los. Am Ende der Straße bog sie rechts und dann sofort wieder links ab. Inzwischen befand sie sich in einer ruhigen Wohngegend mit schmucken Mietshäusern, Grünanlagen und Kirchen.

Lydia begann sich wahrscheinlich schon Sorgen zu machen. Sie hatte ihr gesagt, dass sie in zwanzig Minuten wieder zurück sei und dass sie es sich solange bei Kaffee und Kuchen im Café Victoria gemütlich machen solle. »Ich will nur ein bisschen für mich sein«, hatte sie ihr erklärt. Lydia hatte leicht verwundert mit den Achseln gezuckt, aber nichts weiter eingewendet. Nancys Vorhaben würde allerdings deutlich länger dauern als zwanzig Minuten. Lydia musste eben warten.

Sie bog erneut in die Straße ein, die ihr eigentliches Ziel war. Eng, kopfsteingepflastert und mit einer Kneipe, die schon zu Bismarcks Zeiten alt gewesen sein musste. Sie blickte sich noch einmal um. Bis auf einen etwa zwölfjährigen Jungen war niemand zu sehen. Sie blieb vor dem Eingang eines dreistöckigen Mietshauses stehen. Nummer sechs, eine Dachgeschosswohnung. Sie drückte zweimal auf den Klingelknopf, wartete ein paar Sekunden, klingelte noch einmal.

Hoch über ihr ging ein Mansardenfenster auf, und der Kopf eines Mannes erschien. »Ja?«

»Ich bin's, Onkel Arnold.«

Nach kurzem Zögern nickte der Mann. »Ich mach dir gleich auf.«

Eine halbe Minute später ging die Eingangstür auf.

»Kommen Sie rein«, flüsterte der Mann auf Englisch. Er hatte einen starken deutschen Akzent, war Mitte dreißig und hatte schütteres Haar. Er war sichtlich nervös.

Nancy trat in das Halbdunkel eines Hausflurs, von dem auf beiden Seiten Wohnungstüren abgingen. An seinem Ende führte eine Treppe nach oben. »Hier?«, fragte sie.

»Um Himmels willen, nein. Wir gehen besser nach oben.«

Sobald sie in der Wohnung waren und der Mann die Tür geschlossen hatte, nahm Nancy ihren Hut ab und warf ihn auf den Tisch. Sie zog einen braunen Umschlag aus ihrer Umhängetasche und hielt ihn dem Mann hin. »Das sind Ihre Papiere.«

Er nahm ein paar Dokumente heraus und sah sie durch, dann bedachte er Nancy mit einem gequälten Lächeln. Um ihm seine Angst zu nehmen, war wesentlich mehr nötig als diese gefälschten Papiere. »Danke, Miss. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben viel für mich riskiert.«

»Nicht für Sie, für unsere Sache.«

»Trotzdem vielen Dank. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Oder Kaffee? Allerdings habe ich nur Ersatzkaffee.«

»Nein, ich muss gleich wieder los.« Sie stand zitternd da. »Kann ich mich hier irgendwo frisch machen?«

»Ja, im Gemeinschaftsbad. Auf der anderen Seite des Flurs.«

Nein, bloß nicht. Zu gefährlich. Sie musste weg von hier. Sie versuchte ihr Zittern unter Kontrolle zu kriegen. »Lieber nicht. Ich muss jetzt gehen.«

»Wenn Sie wirklich meine Nichte wären, würden Sie eine Weile bleiben.«

»Niemand hat mich kommen sehen.«

»Der Hausbesitzer hat sicher mitbekommen, wie Sie geklingelt und nach mir gerufen haben. Ihm entgeht nichts.«

»Gut, ich bleibe zehn Minuten.« Nancy riss sich zusammen. »Ich habe großen Durst. Haben Sie vielleicht etwas Stärkeres als Tee?«

»Nur Pfirsichlikör. Sonst habe ich leider nichts Alkoholisches.«

Sie verzog das Gesicht. »Besser als gar nichts.«

Sie setzten sich an den Tisch. Durch das offene Mansardenfenster des drückend heißen, ärmlich möblierten Zimmers kam nur stickig warme Luft. Arnold Lindberg war in Göttingen Physikprofessor gewesen, aber hier im Haus kannten ihn alle nur als Arnold Schmidt, einen arbeitslosen Bibliothekar. Nancy konnte seine Angst riechen. Seine Kopfhaut glänzte, und ihm stand Schweiß auf der Stirn. Seine Finger zitterten, als er sich eine Zigarette anzündete. Erst im Nachhinein fiel ihm ein, ihr die Packung über den Tisch zu reichen. Doch sie schüttelte den Kopf und sagte nur: »Könnte ich bitte ein Glas Wasser haben?« Der zuckersüße Pfirsichlikör stand immer noch unangetastet vor ihr.

Lindberg ging zum Waschbecken und füllte ein Glas mit Wasser. Sie trank es rasch aus und bat um ein weiteres.

»Und was halten Sie vom neuen Deutschland, Miss?«

»Meinen Sie die Nationalsozialisten?«

»Wen sonst?« Er lachte hohl.

»Ich bin strikt gegen sie«, sagte sie. »Deshalb bin ich hier.« Endlich stürzte sie den Likör hinunter. Er war nicht so süß wie befürchtet. Natürlich nicht das, was sie wollte oder brauchte, aber das musste eben warten.

»Ich kann nur hoffen, dass Sie nie erfahren, wie es ist, hier zu leben«, sagte er. Dann begann er von seiner Existenz im Untergrund zu erzählen. Als Jude und Kommunist war er der Universität verwiesen worden, an der er zuerst studiert und dann als Professor geforscht und unterrichtet hatte. »Wir waren der Deutschen Physik von Anfang an ein Dorn im Auge. Sie haben uns wegen unserer jüdischen Herkunft die Stellen weggenommen. In den zwanziger Jahren habe ich mit allen Größen meines Fachs zusammengearbeitet, darunter auch Einstein und Bohr. Ich habe sie als meine Freunde betrachtet. Auch Leó Szilárd. Ein ausgesprochen witziger Kerl. So viele von uns, Hunderte, einfach vertrieben von Männern ohne Hirn und Verstand. Nur Lise Meitner ist noch hier; weil sie Österreicherin ist, darf sie noch arbeiten. Aber sie muss einen gelben Stern tragen! Ich will nichts anderes, als wieder mit meinen Freunden und Kollegen zusammen zu sein und weiter meiner Forschungsarbeit nachzugehen. Leó will mir eine Stelle und eine Wohnung beschaffen, wenn es mir gelingt, nach England zu kommen.« Er schüttelte den Kopf. »Aber es ist bereits ein Haftbefehl gegen mich ausgestellt worden. Alle Häfen und Bahnhöfe haben Anweisung, mich nicht ausreisen zu lassen. Und weshalb? Weil ich Himmler, diesen Dreckskerl, beleidigt habe. Ich will Ihnen die Peinlichkeit ersparen, zu wiederholen, was ich gesagt habe, denn ich muss gestehen, es war ziemlich vulgär.«

Sie wusste, was er gesagt hatte. Etwas des Inhalts, dass Himmler zum Reichsführer ernannt worden war, weil er Hitler den Schwanz gelutscht hatte. Einer seiner Studenten hatte ihn denunziert.

Nancy stand auf. »Jetzt muss ich aber wirklich los.«

»Ja, natürlich. Ich habe Sie schon viel zu lang aufgehalten. Aber so ist es sicherer, glauben Sie mir.«

»Ich hoffe, die Papiere helfen Ihnen weiter.«

Er nickte. »Nochmals vielen Dank. Danke.«

Sie griff nach ihrem Hut und ging zur Tür. Sie öffnete sie und spähte in das leere Treppenhaus. Sie wollte schon gehen, drehte sich aber noch einmal um. Lindberg stand da und hielt den Umschlag, den sie ihm gebracht hatte, in den Händen. Er sah zum Erbarmen aus. »Viel Glück«, sagte sie. Sie werden es brauchen.

Auf dem Rückweg nahm sie den direkten Weg durch den Tiergarten zum Brandenburger Tor. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie bereits über eine Stunde unterwegs war. Sie war schweißgebadet unter ihrem altbackenen grünen Kleid.

»Wo warst du so lange?«, fragte Lydia, als Nancy schließlich um die Ecke bog und sich im Café Victoria auf den Stuhl neben ihr plumpsen ließ. »Was hast du denn? Du siehst ja total aufgelöst aus!«

Nancy konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie kippte den Inhalt ihrer Tasche auf den Tisch und kramte hektisch eine silberne Spritze aus dem Durcheinander hervor.

Lydia traute ihren Augen nicht. »Aber doch nicht hier, Nancy! Nicht vor all den Leuten!«

Ohne auf sie zu achten, stieß Nancy die Kanüle mit zitternden Händen in eine kleine Ampulle und zog die Spritze auf. Lydia blickte sich nervös um. Nancy streckte ihren Arm auf dem weißen Tischtuch aus. Unter der hellen Haut ihrer Ellbogenbeuge wölbte sich eine dünne Vene. Die Kanüle glitt hinein, ein Blutstropfen trat aus. Nancy drückte auf den Kolben der Spritze und gab ein leises Stöhnen von sich.

Keine der beiden Frauen sah den Jungen, der durch das Fenster des Cafés schaute.

CHAPTER 2

Er fuhr mit seinem kleinen MG-Zweisitzer durch ein Dorf im Süden Cambridgeshires. Er war hungrig, und das Dorfgasthaus machte einen einladenden Eindruck.

Seine Einschätzung war richtig. Das Old Byre war eine ehemalige Poststation mit mehreren Zimmern, gutem Essen, einem Kaminfeuer und einer reichhaltigen Auswahl an Bieren und Ales. Er bestellte eine Steak and Kidney Pie mit Kartoffeln und Erbsen und dazu ein Glas Bitter. Das Essen schlang er gierig hinunter, das Bier rührte er kaum an.

»Ist mit dem Bitter was nicht in Ordnung, Sir?«

»Nein, alles bestens.«

Die Bedienung war Ende dreißig. Sie hatte offenes lockiges Haar und eine Figur, der die Schwerkraft noch nichts hatte anhaben können. Ihre blitzenden Augen strahlten eine Wärme aus, die vom Feuerschein des offenen Kamins noch verstärkt wurde. Sie flirtete mit ihm.

»Ich habe noch eine längere Fahrt vor mir und muss wach bleiben. Könnte ich vielleicht noch einen Kaffee haben?«

»Kaffee haben wir leider keinen mehr, Sir, aber ich frage mal in der Küche.«

»Das wäre nett.« Er setzte sein bestes Hollywoodlächeln auf. »Schwarz und ohne Zucker, bitte.«

Wenige Minuten später kam sie mit einer Tasse Kaffee zurück. Als er sie von ihr entgegennahm, sagte sie: »Entschuldigen Sie meine Neugier, Sir, aber müssen Sie heute Abend noch weit fahren?«

»Ja«, antwortete er. »Und vielen Dank für den Kaffee. Er wird mir bestimmt guttun.«

»Wollen Sie nicht doch lieber hier übernachten, Sir? Es soll sehr neblig werden. Außerdem ist es schon spät, und unsere Zimmer sind sehr gemütlich.«

Sie hatte seine Hand nicht aus Versehen gestreift, als sie ihm die Tasse reichte. Er sah sich in seinem anfänglichen Verdacht bestätigt. Wenn er blieb, käme sie auf sein Zimmer. Unter anderen Umständen hätte er es vielleicht getan, aber an diesem Abend war es indiskutabel. Außerdem wollte er keine zu auffälligen Spuren hinterlassen. Als das Lokal schloss, bezahlte er, verabschiedete sich von ihr und ging zu seinem Auto.

Er fuhr los. Der MG war schnell und lag gut auf der Straße. Trotzdem kam er nicht rasch voran. Es war Ende November, und die dunklen Landstraßen waren eng und von Schlaglöchern übersät.

Eine halbe Stunde später, eine Meile außerhalb eines weiteren typisch englischen Dorfs – mit Pub, Kirche, Anger und Ententeich –, bog er links auf einen Feldweg und machte Motor und Lichter aus. Ein Fremder hätte die Stelle nie gefunden, aber er war bestens damit vertraut. Er zündete die letzte seiner Schweizer Parisiennes an, dann stieg er aus und vertrat sich die Beine. Die Nachtluft war frisch, aber nicht kalt; es stank nach Fuchs. Zwischen den Hecken hing dichter Bodennebel über den Wiesen. In der Ferne konnte er hinter einem Fenster im Obergeschoss eines Gutshauses Licht brennen sehen. Wenig später wurde das Licht gelöscht, und das Haus versank in tiefes Dunkel.

Er stieg wieder ins Auto, deckte sich mit seinem Wintermantel zu und saß einfach nur da. Das einzige Licht war die rot glühende Spitze seiner Zigarette. Von jetzt an würde er Player's Navy Cut rauchen. Außer dem leisen Geräusch seines Atems, wenn er an der Zigarette zog, war nur das ferne Rufen einer Eule zu hören. Nach einer Weile öffnete er die Wagentür, drückte mit der Schuhsohle die Kippe aus und bedeckte sie mit etwas Erde. Dann ließ er sich in den Fahrersitz zurücksinken, schloss die Augen und schlief ein.

Als er aufwachte, war er zunächst nicht sicher, wie lang er geschlafen hatte. Er zog einen kleinen Lederkoffer auf den Beifahrersitz hoch und öffnete ihn. Er knipste die Taschenlampe an, die auf ein paar Hemden lag, dann zog er eine Wasserflasche heraus und nahm einen kräftigen Schluck daraus, bevor er mit einem Seufzer etwas Wasser in seine Handfläche träufelte und es sich ins Gesicht spritzte. Er sah auf die Uhr. Halb eins.

Unter den Hemden war seine Ausrüstung versteckt: eine Pistole, zwei Bergsteigerseile, ein großer Pinsel und ein extrem scharfes gekrümmtes Jagdmesser. Er stieg aus, steckte Messer und Pistole in seinen Gürtel und schlang sich die Seile wie Patronengurte um die Brust. Dann griff er nach der Taschenlampe. Es konnte losgehen.

Ins Haus zu kommen war einfach. Er hatte sich darauf gefasst gemacht, ein Fenster einschlagen zu müssen, aber er fand eine unverschlossene Hintertür und konnte sich lautlos Zutritt verschaffen. Er zog die Schuhe aus und stellte sie neben die Tür, bevor er ins Innere des Hauses schlich. In der Speisekammer fand er einen Blecheimer und nahm ihn mit.

Er ging durch den Salon. Vor Jahren hatte er hier so manchen schönen Abend verbracht, wenn er im College Ausgang erhalten hatte. Er hatte mit Cecil und Penny Langley und ihren etwas spießigen Freunden Wein und Cognac getrunken, aber vor allem natürlich mit ihrer bezaubernden Tochter Margot, die in ihn verliebt war. Da war das alte Klavier an der Tür zum Garten gewesen. Zum Glück war sich Penny Langley, die darauf gern zur Unterhaltung ihrer Gäste Chopin gespielt hatte, nicht bewusst gewesen, wie beschränkt ihre pianistischen Fähigkeiten waren und wie verstimmt das Klavier gewesen war, das inzwischen einem BechsteinFlügel Platz gemacht hatte.

(Continues…)



Excerpted from "Corpus"
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