Das Leuchten der Erinnerung: das Buch zum Film mit Helen Mirren und Donald Sutherland.

Das Leuchten der Erinnerung: das Buch zum Film mit Helen Mirren und Donald Sutherland.

by Michael Zadoorian, Elfriede Peschel

NOOK Book(eBook)

$10.99

Available on Compatible NOOK Devices and the free NOOK Apps.
WANT A NOOK?  Explore Now
LEND ME® See Details

Overview

Ella macht sich nichts vor. Ihre eigenen Tage sind gezählt, und ihr Mann John ist zu senil, um gestern noch von heute und morgen zu unterscheiden. Ob es da eine gute Idee ist, sich mit über achtzig einfach in ein Wohnmobil zu setzen und über die Route 66 nach Disneyland zu türmen? Natürlich nicht. Doch Ella ist die Hüterin der Straßenkarten und die Wächterin der Käse- und Tablettenrationen. Und sie wird sich dieser Reise stellen - auch wenn sie fürchtet, dass auch Liebe sich vergessen lässt. "Ein Buch, das einen über die schwierigsten Zeiten lachen lässt." Los Angeles Times "Ergreifend … Eine authentische und witzige Liebesgeschichte" Publishers Weekly "Ella ist eine bemerkenswerte Figur. "The Leisure Seeker" ist ein Buch wie das Leben selbst: humorvoll, schmerzhaft, ergreifend, tragisch, rätselhaft - und man will es auf keinen Fall missen." Booklist "Eine bittersüße Geschichte über die besten Jahre des Lebens - und ein Trostpflaster für alle, die einen betagten Menschen kennen oder vorhaben, selbst alt zu werden." Kirkus Reviews "Leidenschaftlich und voller Klarheit zeigt Michael Zadoorian ein Paar vom Pech verfolgter Senioren, die sich auf ihre eigene Art von der Welt verabschieden möchten." BookPage "Eine rührende Geschichte, die deutlich macht, dass Alter und Krankheit noch lange kein Grund sind, (lebens-) wichtige Entscheidungen anderen Menschen zu überlassen." SüdhessenWoche

Product Details

ISBN-13: 9783959676786
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 12/20/2017
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 304
File size: 514 KB

About the Author

Michael Zadoorian wuchs in Detroit, wo er noch heute lebt. Seine preisgekrönten Romane wurden von der Kritik und Lesern begeistert aufgenommen. Sein Debütroman THE LEISURE SEEKER wurde mit Helen Mirren und Donald Sutherland unter der Regie von Paolo Virzi verfilmt.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

MICHIGAN

Wir sind Touristen.

Damit habe ich mich neuerdings abgefunden. Mein Ehemann und ich gehörten nie zu den Reisenden, die ihren geistigen Horizont erweitern wollten. Wir reisten, um Spaß zu haben – Weeki Wachee, Gatlinburg, South of The Border, Lake George, Rock City, Wall Drug. Wir haben schwimmende Schweine und Pferde gesehen, einen mit Mais verkleideten russischen Palast, junge Mädchen, die unter Wasser aus kleinen Cola-Flaschen tranken, die London Bridge inmitten einer Wüste, einen Kakadu, der auf einem Hochseil Fahrrad fuhr.

Gewusst haben wir es vermutlich schon immer.

Diese unsere letzte Reise haben wir passenderweise auch in allerletzter Minute geplant, ein Luxus, den Rentner sich leisten können. Und ich bin froh über meinen Entschluss, sie anzutreten, obwohl alle (Ärzte, Kinder) dagegen waren. »Ich rate Ihnen nachdrücklich davon ab, eine wie auch immer geartete Reise zu unternehmen, Ella«, sagte Dr. Tomaszewski, einer von gefühlt hundert Ärzten, die sich derzeit um mich kümmern, als ich andeutete, mein Ehemann und ich würden vielleicht fortfahren. Als ich meiner Tochter gegenüber ganz beiläufig erwähnte, mit dem Gedanken an einen Wochenendausflug zu spielen, schlug sie einen Ton an, den sonst nur ungezogene Hundewelpen zu hören bekommen. (»Nein!«)

Aber John und ich hatten einen Urlaub so nötig wie noch keinen zuvor. Außerdem wollen mich die Ärzte doch ohnehin nur hierbehalten, damit sie ihre Tests an mir durchführen, mich mit ihren eiskalten Instrumenten piesacken und Schatten in mir aufspüren können, was sie schon zur Genüge getan haben. Und auch wenn die Kinder nur unser Bestes im Sinn haben, so geht es sie dennoch nichts an. Eine dauerhafte Vollmacht heißt noch lange nicht, dass man den ganzen Laden schmeißt.

Sie fragen sich vielleicht: Ist das wirklich eine gute Idee? Zwei vom Glück verlassene Oldies – eine mit mehr Gesundheitsproblemen als ein Dritte-Welt-Land, der andere so senil, dass er nicht mal weiß, welchen Tag wir haben – auf einer Autoreise quer durchs Land?

Machen Sie sich nicht lächerlich. Natürlich ist das keine gute Idee.

Es gibt dazu eine Episode aus dem Leben von Ambrose Bierce, dessen Gruselgeschichten ich als junges Mädchen gerne gelesen habe, und der in seinen Siebzigern einfach beschlossen hatte, nach Mexiko abzuhauen. Er schrieb: »Natürlich ist es möglich, sogar wahrscheinlich, dass ich nicht zurückkommen werde. Das sind fremdartige Länder, in denen unverhoffte Dinge passieren können.« Er schrieb außerdem: »Und diese Dinge sind besser als Alter, Krankheit oder ein Sturz auf der Kellertreppe.« Als jemand, der mit all diesen drei Dingen vertraut ist, kann ich dem alten Ambrose nur von ganzem Herzen zustimmen.

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Wir hatten nichts zu verlieren. Also beschloss ich, zur Tat zur schreiten. Unser kleiner Oldtimer-Wohnwagen, der Leisure Seeker, war gepackt und startklar. Das hatten wir erledigt, sobald wir in den Ruhestand eingetreten waren. Und nachdem ich den Kindern versichert hatte, dass ein Urlaub nun wirklich außer Frage stand, habe ich meinen Ehemann John gekidnappt, damit wir uns mit dem Ziel Disneyland an der Westküste davonstehlen können. Dort waren wir immer mit unseren Kindern gewesen, weshalb es uns besser gefällt als der andere Park. Schließlich waren wir an diesem Punkt unseres Lebens mehr Kinder denn je. Vor allem John.

Aus der Gegend um Detroit, in der wir unser ganzes Leben verbracht haben, starten wir in westlicher Richtung quer durch den Bundesstaat. Bisher verläuft die Reise friedlich, und wir kommen gut voran. Der leichte Luftzug, der durch mein Ausstellfenster weht, lässt ein geschmeidiges vollendetes Rauschen entstehen, das uns begleitet, während wir uns Kilometer um Kilometer von unseren alten Ichs entfernen. Der Kopf wird klar, die Schmerzen lassen nach, die Sorgen lösen sich auf, und sei es auch nur für ein paar Stunden. John schweigt, macht hinterm Steuer aber einen zufriedenen Eindruck. Er hat einen seiner ruhigen Tage.

Nach etwa drei Stunden halten wir für unsere erste Nacht in einem Ferienstädtchen, das sich damit schmückt, eine Künstlerkolonie zu sein. Wenn man in den Ort hineinfährt, kommt man an einer von immergrünen Gewächsen umwucherten Malerpalette von der Größe eines Kinderplanschbeckens vorbei, auf deren Farbklecksen jeweils eine leuchtende Glühbirne im passenden Farbton sitzt. Daneben ein Schild:

SAUGATUCK

Hier haben wir vor fast sechzig Jahren unsere Flitterwochen verbracht (Mrs. Millers Pension, längst niedergebrannt). Wir sind damals mit dem Fernbus der Greyhound-Lines gefahren. Das waren im Grunde dann auch schon die Flitterwochen: eine Busreise ins westliche Michigan. Mehr konnten wir uns nicht leisten, aber es war auch so aufregend genug. (Ach ja, es ist gut, sich so leicht begeistern zu können.)

Nachdem wir uns im Trailerpark eingemietet haben, bummeln wir beide – im Rahmen meiner Möglichkeiten – ein wenig durch die Stadt, um den Rest des Nachmittags zu genießen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, nach so vielen Jahren wieder hier zu sein. Unser letzter Besuch liegt dreißig Jahre zurück. Zu meiner Überraschung hat die Stadt sich nicht sehr verändert – jede Menge Konditoreien, Kunstgalerien, Eisdielen und Trödelläden. Der Park ist noch da, wo ich ihn in Erinnerung hatte. Viele der alten Gebäude stehen noch und sind in gutem Zustand. Es erstaunt mich, dass die Stadtväter keine Notwendigkeit sahen, alles abzureißen und neu aufzubauen. Offenbar haben sie begriffen, dass Menschen, die Ferien machen, einfach an einen Ort zurückkehren möchten, der sich vertraut anfühlt, sich anfühlt, als wäre es der ihre, und sei es auch nur für kurze Zeit.

John und ich setzen uns auf eine Bank auf der Main Street, wo sich der Duft von warmem Buttertoffee in die Herbstluft mischt. Wir beobachten die in Shorts und Sweatshirts vorbeiflanierenden Familien, die ihr Eis essen, miteinander schwatzen und tief und halbherzig lachen, entspannte Stimmen von Menschen auf Urlaub.

»Das ist schön«, sagt John, seine ersten Worte, seit wir angekommen sind. »Sind wir hier zu Hause?«

»Nein, aber es ist schön.«

John fragt ständig, ob irgendwo zu Hause ist. Zumal seit dem letzten Jahr, als sein Zustand sich zunehmend verschlechterte. Die ersten Gedächtnisprobleme tauchten etwa vor vier Jahren auf, obwohl es auch davor bereits Anzeichen gab. Bei ihm ist es ein allmählicher Prozess. (Meine Probleme sind erst in jüngster Zeit aufgetaucht.) Man hat mir gesagt, wir könnten uns noch glücklich schätzen, aber es fühlt sich nicht so an. Erst verschwanden die Ecken von der Tafel seines Gedächtnisses, dann die Ränder gefolgt von den Rändern der Ränder, bis ein Kreis entstand, der immer kleiner und kleiner wird, bevor er schließlich in sich selbst verschwindet. Übrig geblieben sind nur noch ein paar Kleckse hier und da, Stellen, an denen der Schwamm nicht richtig gewischt hat, Erinnerungen, die ich in ständiger Wiederholung höre. Immer mal wieder dämmert ihm die Erkenntnis, dass er viel von unserem gemeinsamen Leben vergessen hat, aber diese Momente werden in letzter Zeit immer seltener. Die raren Augenblicke, in denen er sich über seine Vergesslichkeit ärgert, bauen mich auf, weil sie mir zeigen, dass er noch immer auf dieser Seite steht, hier bei mir. Die meiste Zeit ist er das nicht. Es ist in Ordnung. Die Wächterin der Erinnerungen bin ich.

Nachts schläft John erstaunlich gut, ich hingegen kriege kaum ein Auge zu. Ich bleibe wach und lese und schaue mir auf unserem winzigen batteriebetriebenen Fernseher irgendwelche schwachsinnigen Talkshows an. Meine Perücke auf ihrem Styroporkopf leistet mir Gesellschaft. Wir beide sitzen hier im blauen Dämmerlicht und lauschen Jay Leno, dessen Stimme von John und seinen rasselnden Rachenmandeln übertönt wird. Das macht aber nichts. Ich kann ohnehin nicht mehr als ein paar Stunden vor mich hin dösen, und es stört mich nur selten. Heutzutage empfinde ich Schlaf als einen Luxus, den ich mir kaum erlauben kann.

John hat seine Brieftasche, seine Münzen und Schlüssel auf dem Tisch abgelegt, wie er das auch zu Hause macht. Ich greife nach dem dicken, von Schweiß gegerbten ledernen Ziegelstein von einer Brieftasche und öffne sie. Ein moosiger Geruch entsteigt ihr, und die klebrigen Kartenfächer schmatzen, als ich sie durchblättere. Das Durcheinander in seiner Geldbörse wird wohl dem in seinem Kopf entsprechen, alles ist vermengt und haftet aneinander und bildet einen Wust wie den, den ich in den Broschüren der Arztpraxen gesehen habe. Ich finde Zettel mit unleserlichem Gekrakel, Visitenkarten von Menschen, die längst tot sind, einen Ersatzschlüssel für ein Auto, das schon vor Jahren verkauft wurde, abgelaufene Versicherungskarten von Aetna und Medicare neben neuen. Ich wette, dass er sie schon länger als ein Jahrzehnt nicht mehr geordnet hat. Mir ist schleierhaft, wie er auf diesem Ding sitzen kann. Kein Wunder, dass ihm sein Rücken ständig wehtut.

Ich schiebe die Finger in eins der Fächer und finde ein Stück Papier, das doppelt zusammengefaltet ist. Anders als der Rest sieht es nicht so aus, als wäre es schon immer dort gewesen. Ich entfalte es und sehe, dass es ein Foto ist, das er irgendwo herausgerissen hat. Auf den ersten Blick scheint es ein Familienfoto zu sein – Leute, die sich vor einem Gebäude versammelt haben, aber niemand auf dem Foto kommt mir bekannt vor. Als ich den zerfledderten unteren Rand glatt streiche, sehe ich eine Bildunterschrift:

VON IHREN FREUNDEN DES PUBLISHERS CLEARING HOUSE!

Ich sollte an dieser Stelle erläutern, dass wir von diesem Unternehmen jede Menge Post bekommen. Irgendwann in der Anfangszeit seiner Erkrankung hatte John sich auf dieses Verlagshaus eingeschossen. Er nahm bei allen Gewinnspielen teil und gab versehentlich Bestellungen für Zeitschriften auf, die wir gar nicht brauchen konnten – Teen People, Off-Roader, Das moderne Frettchen. Schon bald schickten uns diese Hurensöhne drei Briefe pro Woche. Später fiel es John immer schwerer, die Teilnahmebedingungen zu erfassen, und so stapelten sich die Briefe, geöffnet und halb verstanden.

Es dauert etwas, bis mir endlich einleuchtet, warum John dieses Foto in seiner Brieftasche hat. Er hält es für ein Foto seiner eigenen Familie! Plötzlich muss ich loslachen. Ich lache so laut, dass ich befürchte, ihn aufzuwecken. Ich lache, bis mir die Tränen kommen. Dann zerreiße ich das Foto in hundert winzige Stücke.

CHAPTER 2

INDIANA

Ein früher Aufbruch durch die Dunkelheit auf der Indiana-Interstate mit Ziel Chicago, wo wir die Route 66 von ihrem offiziellen Startpunkt aus einschlagen wollen. Normalerweise würden wir um große Städte immer einen Bogen machen. Denn es sind gefährliche Orte für alte Menschen. Da kann man nicht mithalten und wird sofort niedergewalzt. (Merken Sie sich das.) Aber es ist Sonntagmorgen und so wenig Verkehr wie selten. Und trotzdem brettern und schnaufen riesige laute Sattelschlepper mit einhundertzwanzig, einhundertdreißig Stundenkilometern und mehr an uns vorbei. Doch John lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Auch wenn sein Geist sich langsam verabschiedet, ist er nach wie vor ein ausgezeichneter Fahrer. Ich muss an Dustin Hoffman im Film Rain Man denken. Vielleicht liegt es an den vielen Autoreisen, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, oder daran, dass er fährt, seit er dreizehn war, jedenfalls gehe ich nicht davon aus, dass er jemals vergessen wird, wie es geht. Wenn man erst mal im Rhythmus einer Langstreckenfahrt angekommen ist, geht es ohnehin nur noch darum, Richtungsanweisungen zu geben (meine Aufgabe als Herrin der Straßenkarten), unerwartete abrupte Ausfahrten zu vermeiden und im Rückspiegel auf mögliche sich rasch nähernde Gefahren zu achten.

Unbemerkt wird die Luft grau und kontrastlos. Unter einem trüben Nebelschleier schimmern Gießereien und Fabriken am Horizont.

John runzelt die Stirn und wendet sich mir zu. »Hast du gefurzt?«

»Nein«, sage ich. »Wir fahren bloß durch Gary.«

CHAPTER 3

ILLINOIS

Auf der Dan-Ryan-Schnellstraße hinter Chicago ist zwar nicht viel los, dafür fahren alle verdammt noch mal viel zu schnell. John versucht, die richtige Spur zu halten, aber ständig kommen neue Spuren dazu oder verschwinden wieder. Inzwischen bereue ich es, dass wir nicht einfach erst bei Joliet auf die Route 66 aufgefahren sind, wie ich das ursprünglich geplant hatte. Aber irgendwas in mir wollte diese Reise unbedingt ganz von Anfang bis zum letzten, letzten Ende machen.

Inoffiziell beginnt die Route 66 direkt am Lake Michigan, am Jackson und Lake Shore Drive, den wir ohne große Probleme finden. Schwieriger ist es, den offiziellen Startpunkt der Route 66 an der Kreuzung von Adams Street und Michigan Avenue ausfindig zu machen. Als wir endlich das Straßenschild entdecken, lasse ich John anhalten. An einem Arbeitstag wäre das unmöglich, aber heute ist diese Straße leer.

BEGINN DER HISTORISCHEN ILLINOIS U.S. 66 ROUTE

Ich lehne mich aus dem Fenster, um mir die Straße genauer anzusehen, steige aber nicht aus dem Wohnmobil. Diesem Wind würde die Perücke nicht standhalten und binnen Sekunden wie ein Steppenläufer die Adams Street hinunterfegen.

»Das ist sie«, sage ich zu John.

»Jawohl«, sagt er mit großer Begeisterung. Ich bin mir nicht sicher, ob er begreift, was wir tun.

Ich dirigiere uns die Adams Street entlang. Wir fahren durch eine Häuserschlucht, die kein Sonnenlicht durchscheinen lässt. Doch ich fühle mich seltsam sicher in diesem Hochhäuserzwielicht. Als wir auf die Ogden Avenue auffahren, sehe ich die ersten Schilder der Route 66.

In Berwyn hängen Banner von den Laternenpfählen, und ich entdecke einen Laden, der sich Route 66 Immobilien nennt. In Cicero, Al Capones altem Revier, scheinen alle gerade erst wach zu werden. Die Leute fahren durch die Gegend, haben aber keine Eile, lassen es ruhig angehen am Sonntagmorgen.

Mir wird klar, dass John und ich uns, wenn wir diese Reise überleben wollen, genauso verhalten müssen. Keine Eile, kein Druck, keine vierspurigen Schnellstraßen, wenn es sich vermeiden lässt. Mit den Kindern gab es zu viele Ferien, die genau nach diesem Muster abliefen. In zwei Tagen nach Florida touren, in drei Tagen nach Kalifornien – wir haben doch nur zwei Wochen –, schnell, schnell, schnell. Jetzt haben wir alle Zeit der Welt. Nur dass ich aus dem letzten Loch pfeife und John sich kaum noch an seinen Namen erinnern kann. Aber das macht nichts. Ich kenne ihn ja. Unter uns sind wir vollständig.

Entlang der Straße laufen zwei kleine Kinder, die gerade aus der Kirche kommen, und winken uns zu. John hupt. Ich halte die Hand hoch und grüße, als wäre ich Königin Elizabeth.

Dann fahren wir an der Statue eines riesigen weißen Huhns vorbei.

Wussten Sie, dass Teile der Route 66 direkt unter der Autobahn begraben sind? Das ist wahr. Diese herzlosen Mistkerle haben sie einfach zugemacht. Deshalb ist die Route 66 heute auch eine tote Straße, außer Dienst gestellt wie ein Soldat, dem sämtliche Abzeichen von den Schultern gerissen wurden, weil er in Ungnade gefallen ist.

Als wir eine dieser Autobahnstrecken erreichen, folgt John seinem im Bleifuß eines jeden Detroiter Jungen steckenden Instinkts und beschleunigt.

»Gib Gas, John!«, sage ich und fühle mich so frei wie seit Jahren nicht mehr.

Von den hohen Sitzen unseres Wohnmobils aus betrachtet, fliegt die begrabene Route 66 mit einem dröhnenden Rauschen unter uns hinweg. Da ich plötzlich einen Anflug von Schläfrigkeit verspüre, öffne ich das Fenster einen Spalt weit, sodass milde Luft hereinströmt und wie ein frisch gewaschenes Bettlaken knattert. Ich möchte den Wind im Gesicht spüren. Im Handschuhfach finde ich eine zusammengefaltete Regenhaube, ein uraltes Werbegeschenk der Reinigung in unserem alten Viertel in Detroit. Ich drapiere sie über meiner Perücke, binde sie unter dem Kinn zu und kurbele dann das Fenster herunter. Die Haube bläht sich auf, als würde sie jeden Moment samt Kopf und Perücke abheben wollen, also kurbele ich das Fenster wieder hoch und belasse es beim kleinen Spalt.

Der Morgen ist nun erwacht, das Wetter könnte nicht besser sein. Ein strahlender Septembertag mit einer kitschigen Sonne, als hätte ein Kind sie mit Wachsmalkreide in die äußerste Ecke gezeichnet. Und dennoch hängt schon ein Hauch von Herbst in der Luft, leicht feucht und ein wenig muffig. Früher hätte ein solcher Herbsttag mir das Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten gegeben. Ich erinnere mich an eine Reise vor vielen Jahren, als die Kinder noch mitfuhren und ich an einem Tag wie diesem beim Blick auf die Ebenen von Missouri einen Moment lang glaubte, das Leben könnte ewig so weitergehen und würde niemals enden.

Schon seltsam, was ein wenig Sonnenschein bewirken kann.

Heutzutage kann ich den Herbst nicht mehr als meine liebste Jahreszeit bezeichnen. Tote, verwelkte Blätter üben nicht mehr den gleichen Reiz auf mich aus. Ich weiß auch nicht, warum.

(Continues…)



Excerpted from "Das Leuchten der Erinnerung"
by .
Copyright © 2009 Michael Zadoorian.
Excerpted by permission of HarperCollins Germany GmbH.
All rights reserved. No part of this excerpt may be reproduced or reprinted without permission in writing from the publisher.
Excerpts are provided by Dial-A-Book Inc. solely for the personal use of visitors to this web site.

Customer Reviews