Die Frauen vom Löwenhof - Mathildas Geheimnis

Die Frauen vom Löwenhof - Mathildas Geheimnis

by Corina Bomann

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

Das Geheimnis der Gutsherrin. Die große Löwenhof-Saga von Corina Bomann geht weiter!  Südschweden, 1931. Mathilda ist 17 und nach dem Tod ihrer Mutter Waise. Völlig überrascht steht sie plötzlich der beeindruckenden Agneta Lejongård gegenüber. Die ihr unbekannte Gutsherrin ist ihr Vormund und nimmt sie mit auf den Löwenhof. Mathilda ahnt nicht, dass Agneta ihre Tante ist. Und noch bevor sie die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt, bricht in Europa ein neuer Krieg aus. Das Leben auf dem Löwenhof verändert sich für immer, und Mathildas muss auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück ganz neue Wege gehen. Freuen Sie sich auf Corina Bomanns neue große Saga "Die Farben der Schönheit": Band 1 "Sophias Hoffnung" erscheint am 28.2.2020 Band 2 "Sophias Träume" erscheint am 29.5.2020 Band 3 "Sophias Triumph" erscheint am 27.11.2020

Product Details

ISBN-13: 9783843717908
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 08/24/2018
Series: Die Löwenhof-Saga , #2
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 704
Sales rank: 981,730
File size: 3 MB

About the Author

Corina Bomann ist in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen und hat schon immer geschrieben. Mit "Die Schmetterlingsinsel" gelang ihr der absolute Durchbruch. Seitdem ist jeder ihrer Romane ein Bestseller geworden, auch international. Inzwischen wohnt sie abwechselnd in Berlin und in einem gemütlichen Haus in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist der perfekte Ort zum Schreiben.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Ich fühlte mich schläfrig. Vor mir lag mein Heft, in das ich eigentlich etwas schreiben sollte, aber meine Arme waren viel zu schwer. Ich hatte keine Kraft, den Federhalter zu nehmen und Worte aufs Papier zu bringen. Die Luft im Klassenzimmer war trotz offener Fenster zum Schneiden dick, obwohl es erst Anfang Juni war. Der Sommer kam früh im Jahr 1931.

Am liebsten wäre ich irgendwo im Stadtpark gewesen anstatt im Unterricht von Fräulein Nyström an der Realskola in Stockholm. Ich hätte im Schatten sitzen und meinen Gedanken nachhängen können, statt etwas über Haushaltsführung zu hören und von den Blicken meiner Mitschülerinnen gepiesackt zu werden.

Doch meine Eltern hatten darauf bestanden, dass ich eine gute Ausbildung erhielt. Mein Vater hatte mich persönlich hier angemeldet und erklärt, dass ich nur so zu etwas kommen könnte. In diesen Zeiten darfst du dich nicht nur darauf verlassen, dass du einen guten Mann findest, waren seine Worte gewesen. Mutter hatte ihn seltsam angesehen, dann aber ebenfalls angemerkt, dass Schönheit allein für eine Frau heutzutage nicht ausreiche, um glücklich zu werden.

Ich wollte ihre Bemühungen nicht durch Schwänzen zunichtemachen. Erst recht nicht jetzt, wo die Beerdigung meiner Mutter erst ein paar Tage zurücklag.

Der Tod war in der Nacht zu Susanna Wallin gekommen, ganz heimlich hatte er ihre Seele gestohlen. Ich fand sie am Morgen, nachdem ich mich beim Aufstehen gewundert hatte, dass das Haus so still war. Meine Mutter ging als Erstes immer in die Küche, um den Herd anzufeuern und Frühstück zu machen. Auch nach dem Verschwinden meines Vaters hatte sie nie von dieser Gewohnheit abgelassen. Diesmal war es anders. Als ich ihr Zimmer betrat, um sie zu wecken, sah ich, dass sie mit offenen Augen an die Decke starrte. Zunächst glaubte ich noch, sie würde nachdenken, aber dann berührte ich sie und merkte, dass sie starr war und so unglaublich kalt.

Als ich einsah, dass kein Arzt ihr mehr helfen konnte, war es, als würde etwas in mir zerbrechen. Panisch rannte ich zum Doktor, der mir dann die schreckliche Gewissheit gab. Alles, was danach kam, verschwand im Dunkel meiner Erinnerung. Irgendwie hatte ich es geschafft, dem Pastor und den Nachbarinnen Bescheid zu sagen.

Tags darauf fand ich mich in meinem Bett wieder, mit dem Feuerzeug in der Hand, das einst meinem Vater gehört hatte. Während ich mir die Augen ausweinte, musste ich es an mich genommen haben. Es war warm von meiner Haut, und irgendwie tröstete es mich, auch wenn ich kaum etwas über meinen Vater wusste.

Papa hatte immer ein wenig abwesend gewirkt, und Mama hatte von einer Welt geträumt, die mir nicht zugänglich war. Die beiden hatten sich gut um mich gekümmert. Nie habe ich auch nur eine Ohrfeige erhalten. Aber sie waren manchmal wie Schaufensterpuppen, die nur in meinem Leben waren, damit ich Gesellschaft hatte.

Als mein Vater plötzlich aus meinem Leben verschwand, war ich untröstlich. Eines Tages kam er einfach nicht mehr nach Hause. Mutter hatte zwei Tage gewartet, dann die Polizei eingeschaltet. Überall suchte man nach Sigurd Wallin, doch man fand ihn nicht. Jemand erzählte den Polizisten, dass er ihn auf einer Brücke in Gamla Stan gesehen habe. Nachforschungen ergaben, dass er tatsächlich dort gewesen war. Vor einem Brückengeländer fand man ein Feuerzeug, das ihm gehört hatte. Es war vergoldet und mit einem feinen Blumenmuster bedeckt. Ich hatte es immer bewundert, wenn er sich damit seine Zigarillos anzündete. Es war das Einzige, was von ihm blieb.

Die Behörden gingen recht schnell davon aus, dass er sich im Wasser das Leben genommen habe. Die Suche wurde auf die Küste ausgedehnt. Doch die Ostsee war tief, und die Strömung trieb die Dinge weit aufs Meer hinaus.

Nach einem Jahr vergeblicher Suche wurde mein Vater für tot erklärt. Ich nahm das kleine Feuerzeug an mich, denn meine Mutter interessierte sich nicht dafür. Ohne große Trauer räumte sie die Kleidung meines Vaters zusammen, wie etwas, das abgeschlossen war und nun fortgeschafft werden konnte.

In meiner Trauer klammerte ich mich an den Gedanken, dass meine Mutter ja noch da wäre.

Jetzt hatte ich niemanden mehr, an dem ich mich festhalten konnte.

In der ersten Zeit nach ihrem Tod fühlte ich mich wie ein Geist. Ich spürte nichts, nahm kaum etwas wahr. In mir gab es nur Schmerz und Trauer. Nach einer Weile kam ich wieder ein wenig zu mir, doch noch immer fiel es mir schwer, die Tage zu überstehen. Weinkrämpfe schüttelten mich häufig, oft wenn es gerade unpassend war. Meist blieb mir dann nichts anderes übrig, als mich zu verkriechen. Wie ein Schatten schlich ich durch unser gelbes Haus an der schrägen Straße, der Brännkyrkagatan. Ich fühlte mich von den anderen, sorglos scheinenden Menschen isoliert. Der einzige Trost war Paul, der mich besuchte, um sicherzustellen, dass es mir gut ging.

Noch schlimmer, als im leeren Haus zu sein, waren die Stunden in der Schule.

Als mein Vater verschwand, hatte mich dort noch behutsames Mitleid umhüllt. Alle fanden mein Schicksal schrecklich und bedauerten mich und meine Mutter.

Nun war ich Waise. Die Großeltern väterlicherseits waren längst tot, und meine Mutter hatte nie über ihre eigenen Eltern gesprochen. Ich hatte sie nie kennengelernt. Wenn ich nach ihnen fragte, antwortete sie nur, dass ich eben keine Großeltern mütterlicherseits hätte.

In der Schule hatte ich nie viele Freundinnen. Außer Daga redete kaum ein Mädchen mit mir. Nun ließen sie mich spüren, dass ich eine Waise war. Jedes Mal, wenn sie mich ansahen und ihre Köpfe zusammensteckten, versetzte es mir einen Stich. Ohne Eltern fühlte ich mich, als hätte ich jeglichen Schutz verloren.

Ein Klopfen an der Tür des Klassenzimmers schreckte mich aus meiner Lethargie. Fräulein Nyström bat den Störenfried herein. Herr Persson, der Rektor unserer Schule, flüsterte kurz mit unserer Hauswirtschaftslehrerin, dann wandte er sich um und blickte über die Köpfe hinweg geradewegs zu mir.

»Mathilda Wallin«, sagte er schließlich. »Würdest du mich bitte begleiten?«

Sofort brandete Flüstern um mich herum, dazwischen hörte ich hier und da ein schadenfrohes Kichern.

Mein Herz begann zu rasen. Ich erhob mich und senkte scheu den Blick, doch dann straffte ich mich. Ich wusste, was die anderen dachten. Sie rechneten fest damit, dass ich nun, da ich keine Eltern mehr hatte, von der Schule genommen wurde. Wenn ich ehrlich war, erwartete auch ich genau das.

Mein Inneres barst beinahe vor Angst und Sorge. Ich lief hinter dem großen, massigen Mann her, der immer eine Fliege trug und dessen Jacketts immer ein wenig schief saßen. Dabei strömte mir der Geruch von Eau de Cologne und der Haarpomade, mit der er seine störrische schwarze Haarsträhne zu bändigen versuchte, in die Nase. Wie eine Fahne zog er sie hinter sich her.

In sein Büro wurde man nur zitiert, wenn man etwas wirklich Schlimmes angestellt hatte oder wenn es schlechte Nachrichten gab. Zuletzt war ich dort gewesen, als ich ihm erklären musste, dass meine Mutter gestorben war und ich deshalb für ein paar Tage nicht zum Unterricht erscheinen würde. Der Raum war recht groß – und braun. Braune Regale, braune, ledergebundene Bücher darin. Ein brauner Stuhl hinter dem braunen Schreibtisch. Darunter ein Teppich mit braunen Ranken auf Beige. Kein Farbtupfer sorgte hier für Ablenkung.

Als wir eintraten, erwartete uns eine hochgewachsene Frau, die ein elegantes dunkelblaues Kleid trug. Ihr blondes Haar war im Nacken zu einem Dutt zusammengesteckt, ein paar Strähnen hatten sich an den Seiten gelöst und umrahmten ihr ebenmäßiges Gesicht.

»Darf ich vorstellen«, sagte der Direktor und nickte der Fremden zu. »Gräfin, das ist Mathilda Wallin. Mathilda – Gräfin Agneta Lejongård.«

Eine Gräfin? Was wollte eine Gräfin hier? Ich blickte die Frau verwirrt an. In den Märchen, die meine Mutter mir manchmal erzählt hatte, waren Gräfinnen Frauen mit Diadem auf dem Kopf und silberglänzenden Kleidern. Diese hier trug nicht mal einen Hut.

Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Es freut mich, dich kennenzulernen«, sagte sie und reichte mir die Hand. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Knicksen? Sie war eine Gräfin! Ich knickste leicht, als ihre Hand die meine berührte. Gleichzeitig fragte ich mich, was eine Gräfin von der Tochter eines Buchhalters wollte.

»Setzen wir uns doch«, sagte der Rektor.

»Es tut mir leid, dass du deine Mutter verloren hast. Und das so kurz nach dem Verlust deines Vaters«, richtete die Gräfin das Wort an mich.

Ich blickte sie verwirrt an. Woher wusste sie das? Kam sie von der Fürsorge? Von einem Kinderheim?

Sie schien meine Gedanken zu lesen, denn sie setzte hinzu: »Aus diesem Grund bin ich hier.«

»Wegen meines Vaters?«

Sie schüttelte den Kopf. »Deinetwegen.«

Ich blickte zum Rektor, doch Herr Persson blieb regungslos. Er wirkte wie jemand, der ein spannendes Schauspiel beobachtete.

»Du bist noch nicht volljährig, das bedeutet, du brauchst einen Vormund«, fuhr die Gräfin fort.

Eine Welle heißer Panik durchzog mich. Also war sie doch von der Fürsorge.

»Ich komme ganz gut allein zurecht«, gab ich zurück. »Wenn Mutter krank war, habe ich das Haus versorgt. Und die Schule ...« Ich stockte, als mir klar wurde, dass die Schule bezahlt werden musste. Mein Vater hatte dafür Geld zurückgelegt, aber ich war noch nicht mündig und man würde mir das Konto nicht übertragen.

Die Gräfin blickte zu Persson, dann sah sie mich wieder an. »Du gehst gern hierher?«

»Ja«, antwortete ich und erwischte mich dabei, wie ich unruhig an meinem Blusenärmel zupfte.

»Rektor Persson hat mir gesagt, dass du eine gute Schülerin bist.«

»Sie hat leichte Schwächen, was die Handarbeit betrifft, und auch in der Physik könnte sie besser sein. Aber in Arithmetik ist sie hervorragend. Und natürlich in der schwedischen Sprache sowie in Englisch.«

»Du hast Englischunterricht?«, fragte die Gräfin, worauf ich nickte.

»Ja, gnädige Frau«, antwortete ich.

»Nun, das könnte in deinem Leben irgendwann einmal von Vorteil sein. Und dass du sehr gut rechnen und schreiben kannst ebenso.«

Warum interessierte die Fürsorge sich für meine schulischen Leistungen?

»Was bedeutet das?«, fragte ich, bevor Persson und die Gräfin sich noch weiter über meine Zensuren auslassen konnten. »Warum sind Sie hier? Wollen Sie mich in ein Heim stecken?«

Die Augenbrauen der Frau schnellten in die Höhe. »Nein, das will ich nicht«, antwortete sie ruhig. »Ich bin hier, um dir mitzuteilen, dass ich zu deinem Vormund bestellt wurde.«

Mir fiel die Kinnlade herunter. Diese fremde Frau, eine Gräfin noch dazu, sollte über mein Leben bestimmen? Über die Zeit bis zu meiner Volljährigkeit?

»Ich weiß, das kommt ein wenig plötzlich«, fuhr sie fort. »Aber ich wollte nicht, dass du es erst bei der Testamentseröffnung erfährst.«

Ich schaute sie verwirrt an. Vormund? Testamentseröffnung? Diese Frau, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, sollte für mich sorgen?

»Wieso?«, platzte mein Gedanke laut aus mir heraus.

»Wie bitte?«, fragte die Gräfin.

»Wieso gerade Sie? Welchen Grund gibt es für eine Gräfin, die Vormundschaft für mich zu übernehmen?«

»Mathilda!«, zischte der Rektor warnend, doch die Gräfin schüttelte den Kopf.

»Ist schon gut.« Sie atmete tief durch und sagte dann: »Deine Mutter hat es so verfügt.«

»Meine Mutter? Was hatten Sie mit meiner Mutter zu schaffen?«

»Wir kannten uns. Schon seit langer Zeit. Kurz nach ihrem Tod erhielt ich von einem Notar das Dokument, in dem deine Mutter ihren Wunsch geäußert hat, dass ich dein Vormund werde.« Sie zog einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir.

Ich faltete ihn auseinander. Sofort erkannte ich die Handschrift meiner Mutter. Die ausschweifenden Bögen um das B und das R waren typisch für sie. Datiert war der Brief auf den 19. Februar vergangenen Jahres. Hatte sie da bereits geahnt, dass etwas nicht mit ihr stimmte? Wusste sie von ihrem schwachen Herzen? Wenn ja, hatte sie mich gut getäuscht. Wir hatten nie darüber gesprochen, dass sie krank war.

Bei einer Zeile blieb ich hängen.

Für den Fall meines Todes wünsche ich, dass Gräfin Agneta Lejongård die Vormundschaft über meine Tochter Mathilda übernimmt.

»Warum sollte sie das schreiben?«, fragte ich dann. »Mutter hat Sie nie erwähnt.«

Plötzlich war mir diese Gräfin suspekt. Was, wenn sie mich irgendwohin verkaufte? Oder gab es das nur in billigen Liebesromanen?

»Mathilda!«, sagte der Rektor. Der Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Bedenke doch, was das für dich bedeutet! Du solltest dankbar sein für dieses Geschenk.«

»Oh, ein Geschenk ist es keinesfalls«, entgegnete die Gräfin. »Es ist meine Pflicht, für dich zu sorgen. Auf dem Löwenhof wird es dir gut gehen, und vielleicht wird es so etwas wie ein Zuhause für dich.«

Diese Worte prasselten wie ein kalter Platzregen auf mich hernieder. Ich würde von hier fortmüssen. Und was wurde dann aus Paul und mir? Was aus meinem Wunsch, auf die Handelsschule zu gehen? Paul und ich hatten darüber fantasiert, wie es wäre, wenn wir seine Firma gemeinsam führten. Er würde Möbel bauen, und ich würde mich um die Buchhaltung kümmern, weil ich wesentlich besser rechnen konnte als er.

Doch das würde jetzt alles hinfällig sein. Versauern auf einem Gut war alles, was mir blieb. Mistkarren schieben, Heu in Schober stapeln und abends Fuchs und Hase beim Gutenachtsagen zuschauen. Keine flirrenden Jazzclubs, von denen ich gelesen hatte und heimlich träumte. Kein pulsierendes Leben in der Stadt. Ich wurde von allem fortgerissen, was ich kannte.

Ich spürte, dass mir die Tränen kamen.

»Und wenn ich es nicht will?«, fragte ich trotzig. Mein Zorn war mindestens so groß wie der Eisberg, der die Titanic zum Sinken gebracht hatte.

»Mathilda!« Rektor Persson wirkte, als würde er gleich von seinem Sitz hochschnellen. »Dir bleibt keine andere Wahl!«

Die Gräfin sah mich an. »Wenn deine Mutter nicht gestorben wäre«, fragte sie überraschend sanft. »Was hättest du dann nach der Schule gemacht?«

»Ist das denn wichtig?«, schluchzte ich.

»Für mich schon. Ich kenne dich noch nicht, Mathilda. Ich weiß nicht, was du dir wünschst. Und glaube mir, ich weiß, wie es ist, wenn eigene Wünsche nicht in Erfüllung gehen.«

Ich starrte sie an.

Der Rektor schnaufte. Er hielt mich für respektlos, aber in diesem Augenblick ging es um mich, um mein Leben!

Außer Paul hatte ich noch niemandem meinen Berufswunsch mitgeteilt. Die meisten Mädchen träumten davon, einen guten Mann und Versorger zu finden. Auf die Realskola gingen sie nur, damit sie eine kluge Hausfrau werden konnten. Wenn ich ihnen erzählt hätte, was ich mit meinem Leben vorhatte, wäre ich noch mehr zur Außenseiterin geworden.

»Ich möchte zur Handelsschule gehen und irgendwann in einer großen Firma arbeiten«, hörte ich mich sagen. »Ich finde Zahlen faszinierend. Auf jeden Fall will ich mein eigenes Auskommen haben, eine eigene Wohnung und vielleicht ein Automobil.«

Agneta Lejongård nickte bedächtig und sah mir dann direkt in die Augen. »Das sind gute Ziele. Ich sehe keinen Grund, warum du sie nicht erreichen solltest.«

»Weil ich Waise bin und kein Geld für die Handelsschule habe«, platzte es aus mir heraus. »Und wenn ich auf den Hof gehe ...«

»Nun, der Löwenhof ist nicht das Ende der Welt«, sagte die Gräfin lachend. »Kristianstad ist ganz in der Nähe. Auch dort gibt es eine Handelsschule.«

Beinahe hätte ich erwidert, dass dort aber nicht Paul war. Doch ich verkniff es mir.

»Aber das alles musst du natürlich nicht sofort entscheiden«, sagte die Gräfin, nachdem sie mich noch eine Weile gemustert hatte. »Verzeih, wenn ich dich überfordert habe. Du sollst jedoch wissen, dass ich dir helfen werde, deine Träume zu verwirklichen.«

Ich nickte. Welche andere Wahl hatte ich denn auch? Rektor Persson hatte recht. Meine Mutter hatte diese Frau zu meinem Vormund bestimmt. Ich konnte sie nicht ablehnen.

»Hier ist eine Einladung zum Notar für morgen Vormittag. Wir werden dort das Testament deiner Mutter eröffnen lassen. Ich werde bei dir sein.« Die Gräfin reichte mir den Brief, erhob sich und wandte sich an den Rektor. »Sie ist doch für den Tag vom Unterricht befreit, nicht wahr?«

»Natürlich, gnädige Frau«, sagte Persson und schnellte in die Höhe.

»Gut, dann sehen wir uns morgen früh«, sagte die Gräfin und verabschiedete sich von mir.

Ich hätte zu gern gewusst, wo sie hier in Stockholm abgestiegen war, aber bevor mir die Frage einfiel, stand ich bereits wieder auf dem Flur.

Bedächtig strich ich über das Briefkuvert. Die Tränen brannten immer noch in meinen Augen.

Die Einladung zur Testamentseröffnung meiner Mutter. Es fühlte sich so endgültig an. Am liebsten wäre ich aus dem Schulhaus gelaufen und hätte mich zu Hause verkrochen. Doch da schellte die Glocke, und innerhalb weniger Augenblicke war ich von Schülerinnen umgeben.

Daga kam sofort zu mir gelaufen. »Mathilda, was ist denn?«, fragte sie besorgt, als sie meine glühenden Wangen sah.

(Continues…)


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