Hangman. Das Spiel des Mörders: Thriller

Hangman. Das Spiel des Mörders: Thriller

by Daniel Cole, Conny Lösch

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

ER WILL RACHE. ER WILL CHAOS. ER HAT NICHTS ZU VERLIEREN.  Vom Autor des Spiegel-Bestsellers Ragdoll. Dein letzter Tag.  An den Stahlseilen der New Yorker Brooklyn Bridge hängt ein Toter. Das Wort "Köder" ist mit tiefen Schnitten in seine Brust geritzt. Das lässt nur einen Schluss zu: Ein Killer kopiert die berühmten Londoner Ragdoll-Morde. Chief Inspector Emily Baxter wird sofort von den US-Ermittlern angefordert. Als beinahe täglich weitere Tote auftauchen – darunter auch Polizisten – geraten der Fall und die Medien außer Kontrolle. Baxter und ihre Kollegen von FBI und CIA werden zum Spielball des grausamen Mörders – wer kann seinen Irrsinn stoppen? Und wer hält im Hintergrund die Fäden in der Hand?    

Product Details

ISBN-13: 9783843716987
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 01/02/2018
Series: Ein New-Scotland-Yard-Thriller , #2
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 480
File size: 3 MB

About the Author

Daniel Cole wurde 1983 geboren. Seine Romane erscheinen in 34 Ländern. Bevor er mit dem Schreiben begann, hat er als Sanitäter, Tierschützer und Seenotretter gearbeitet. Cole lebt im sonnigen Bournemouth in Südengland.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Mittwoch, 2. Dezember 2015
Der zugefrorene Fluss knirschte, als würde er sich unter der funkelnden Metropole im Schlaf umdrehen. Im Eis gefangene und vergessene Schiffe, versanken nach und nach im Schnee. Das Festland war vorübergehend mit der Inselstadt vereint.

Als die Sonne über den überladenen Horizont kroch und die Brücke in orangefarbenes Licht tauchte, fiel ein dunkler Schatten auf das Eis weiter unten: Zwischen einem der imposanten Torbögen hatte sich über Nacht etwas in dem Geflecht aus mit Schnee gepuderten Stahlseilen verfangen.

Verheddert und verdreht, wie eine Fliege nach dem verzweifelten Versuch, sich selbst aus dem Spinnennetz zu befreien, hing der tote Körper von William Fawkes im Gegenlicht der Sonne ...

CHAPTER 2

Dienstag, 8. Dezember 2015
Die Nacht drückte an die Fenster von New Scotland Yard, die Lichter der Stadt verschwammen hinter den beschlagenen Scheiben.

Seit ihrer Ankunft am Morgen hatte Baxter, abgesehen von zwei kurzen Pinkelpausen und einem Gang zur Materialkammer, ihr schrankgroßes Büro in der Abteilung für Mord und Schwerstkriminalität nicht verlassen. Sie starrte den Papierstapel an, der sich bedenklich hoch am Rand ihres Schreibtischs neben dem Papierkorb auftürmte, und musste dabei ihren Impuls unterdrücken, ihm einen kleinen Stups in die richtige Richtung zu geben.

Mit vierunddreißig war sie eine der jüngsten weiblichen Chief Inspectors bei der Metropolitan Police überhaupt, allerdings hatte sie mit dieser rasanten Karriere weder gerechnet noch sich besonders darüber gefreut. Dass eine leitende Position frei geworden und sie auf diese Stelle befördert worden war, lag einzig und allein an dem RagdollFall und der Festnahme des berüchtigten Serienkillers.

Ihr Vorgänger, Chief Inspector Terrence Simmons, war aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand getreten, wobei allgemein vermutet wurde, dass der Commissioner ihm die Entscheidung mit der Drohung erleichtert hatte, ihn zu feuern, sollte er sich nicht freiwillig aus dem aktiven Dienst verabschieden – eine durchaus übliche Verfahrensweise, um die Öffentlichkeit zu besänftigen: Man opferte Unschuldige.

Baxter schloss sich der Einschätzung ihrer Kollegen an. Sie war entsetzt darüber, ihren Vorgänger als Sündenbock missbraucht zu sehen, letztlich jedoch erleichtert, dass nicht sie selbst hatte dran glauben müssen. Von alleine wäre sie nicht auf die Idee gekommen, sich auf die frei gewordene Stelle zu bewerben, aber der Commissioner hatte ihr gesagt, sie könne den Job haben, wenn sie ihn haben wolle.

Jetzt schaute sie sich in ihrer Spanplattenzelle um, betrachtete den schmutzigen Teppichboden und den verbeulten Aktenschrank (Gott weiß welch wichtige Dokumente für immer in der untersten Schublade, die sich nicht mehr öffnen ließ, begraben lagen), und fragte sich, was zum Teufel sie sich eigentlich dabei gedacht hatte.

Im Hauptbüro wurde gejubelt. Baxter bemerkte es gar nicht, denn inzwischen widmete sie sich einem Beschwerdebrief. Einem gewissen Detective Saunders wurde vorgeworfen, er habe den Sohn des Beschwerdeführenden mit obszönen Begriffen bedacht. Sollte Baxter Zweifel gehabt haben, so höchstens hinsichtlich der Harmlosigkeit des angeblich verwendeten Schimpfworts. Sie begann, eine offizielle Antwort zu formulieren, verlor aber bald die Lust, zerknüllte das Schreiben und warf es Richtung Papierkorb.

Verhalten klopfte es an der Tür, dann kam eine unscheinbare Beamtin hereingehuscht. Sie sammelte Baxters rings um den Papierkorb verstreute Fehlwürfe ein, entsorgte sie und demonstrierte anschließend ihr rekordverdächtiges Jenga-Talent, indem sie ein weiteres Schreiben oben auf den wackeligen Papierturm legte.

»Tut mir leid, wenn ich störe«, sagte sie, »aber Detective Shaw hält gleich seine Rede. Ich dachte, Sie wollen vielleicht dabei sein.«

Baxter fluchte laut und legte ihren Kopf auf den Schreibtisch.

»Geschenk!«, fiel es ihr mit einem Stöhnen wieder ein.

Die nervöse junge Frau wartete betreten auf weitere Anweisungen. Kurz darauf verließ sie, unsicher, ob Baxter überhaupt noch wach war, leise den Raum.

Baxter erhob sich widerwillig und ging in das Hauptbüro, wo sich eine Gruppe um Detective Sergeant Finlay Shaws Schreibtisch versammelt hatte. Ein zwanzig Jahre altes Plakat, das Finlay irgendwann einmal selbst für einen längst vergessenen Kollegen gekauft hatte, war an der Wand befestigt worden:

»Schade, dass du gehst!«

Neben ihm stapelten sich unappetitliche Donuts aus dem Supermarkt. Die »Reduziert«-Aufkleber auf der Verpackung wiesen darauf hin, dass der Inhalt in weniger als drei Tagen ungenießbar sein würde.

Höfliches Gelächter begleitete die heiser, mit schottischem Akzent vorgetragene Drohung des Detective, Saunders vor seinem Eintritt in den Ruhestand doch noch mal richtig eine reinzuhauen. Jetzt lachten alle, obwohl beim letzten Mal eine Nasen-OP und zwei Disziplinarverfahren die Folge gewesen waren und Baxter stundenlang Formulare hatte ausfüllen müssen.

Sie hasste das: so peinlich, so aufgesetzt, ein so lahmer Abschied nach Jahrzehnten im Dienst, nach so vielen brenzligen Situationen und schrecklichen Erinnerungen, die sich nicht auslöschen ließen. Baxter stand etwas abseits und lächelte ihrem Freund aufmunternd zu. Er war der letzte wahre Verbündete, den sie hier noch hatte, das einzig verbliebene freundliche Gesicht. Jetzt hörte er auf, und sie hatte ihm nicht mal eine Karte gekauft.

In ihrem Büro klingelte das Telefon.

Sie beachtete es nicht, sah zu, wie Finlay kläglich scheiterte, so zu tun, als sei die Flasche Whisky, für die zusammengelegt worden war, seine Lieblingsmarke.

Am liebsten trank er Jameson – genau wie Wolf.

Baxter verlor sich in Gedanken, erinnerte sich daran, wie sie Finlay auf einen Drink eingeladen hatte, als sie sich das letzte Mal nach Feierabend getroffen hatten. Fast ein ganzes Jahr war das her. Er hatte gesagt, er habe es nie bedauert, nicht ehrgeizig zu sein. Er hatte sie gewarnt, dass die Rolle als DCI nicht das Richtige für sie sei und der Job sie langweilen und frustrieren würde. Sie hatte nicht auf ihn gehört. Finlay hatte nicht begriffen, dass sie weniger auf eine Beförderung aus war als auf Ablenkung – Veränderung ... ein Entkommen.

Erneut klingelte das Telefon in ihrem Büro, und sie schaute böse zu ihrem Schreibtisch. Finlay las die vielen Varianten von »Schade, dass du gehst« vor, die die Kollegen auf die Gemeinschaftskarte geschrieben hatten. Vorne drauf waren Minions abgebildet, da anscheinend jemand irrtümlich geglaubt hatte, Finlay möge sie.

Baxter sah auf die Uhr, sie wollte zur Abwechslung mal nicht zu spät Feierabend machen.

Finlay legte die Karte schmunzelnd beiseite und begann mit seiner rührenden Abschiedsrede. Er wollte sich so kurz wie möglich fassen, da er nie gerne öffentlich gesprochen hatte.

»Aber mal ganz im Ernst, danke. Ich war schon dabei, als das funkelnagelneue New Scotland Yard eröffnet wurde, die meisten von euch haben da noch in den Windeln gesteckt ...«

Er machte eine Pause, hoffte, wenigstens einer würde lachen. Sein Vortrag war schrecklich und er hatte gerade seinen besten Scherz versemmelt. Aber er machte trotzdem weiter, wusste, dass es nur noch bergab gehen konnte.

»Der Laden hier und die Leute waren für mich immer mehr als ein Job, ihr seid so was wie meine zweite Familie.«

Eine Frau in der ersten Reihe fächelte sich Tränen aus den Augen. Finlay versuchte sie anzulächeln und ihr zu signalisieren, dass er ebenso empfand und zumindest eine vage Ahnung davon hatte, wer sie überhaupt war. Er blickte wieder auf, suchte die einzige Person, an die seine Abschiedsrede wirklich gerichtet war.

»Ich hatte das Vergnügen, einige von euch hier reinwachsen zu sehen«, er merkte, das auch seine Augen jetzt brannten, »hab beobachtet, wie aus aufmüpfigen Auszubildenden starke, unabhängige, schöne und tapfere junge Frauen ... und Männer wurden«, ergänzte er hastig aus Angst, offenbahrt zu haben, wem seine Rede in Wirklichkeit galt. »Es war mir ein großes Vergnügen, mit euch arbeiten zu dürfen, und ich bin wirklich stolz auf euch ... Danke.«

Er räusperte sich und lächelte seine applaudierenden Kollegen an, entdeckte endlich auch Baxter. Sie stand hinter der halbgeschlossenen Tür in ihrem Büro am Schreibtisch und telefonierte wild gestikulierend. Er lächelte erneut, dieses Mal traurig, als sich die Menge auflöste und er seine Sachen alleine packte, um die Räumlichkeiten für immer zu verlassen.

Erinnerungen holten ihn ein, während er die Fotos einpackte, die seit Jahren an seinem Arbeitsplatz gestanden hatten – vor allem ein zerknittertes und vergilbtes Bild nahm seine Gedanken gefangen:

Weihnachtsfeier im Büro. Finlay mit Papierkrone auf dem spärlichen Haar, sehr zur Belustigung seines Freundes Benjamin Chambers, der einen Arm um Baxter gelegt hatte. Wahrscheinlich handelte es sich um das einzige Foto überhaupt, auf dem sie tatsächlich lächelte. Und ebenfalls mit dabei, kläglich gescheitert bei dem Versuch, Finlay hochzuheben, Will ... Wolf. Sorgfältig verstaute er das Bild in seiner Jackentasche und packte seine restlichen Sachen ein.

Auf dem Weg nach draußen zögerte Finlay. Er hatte es nicht richtig gefunden, den vergessenen Brief, den er ganz hinten in seiner Schreibtischschublade entdeckt hatte, mitzunehmen. Er überlegte, ob er ihn liegenlassen oder zerreißen sollte, schließlich legte er ihn doch in die Kiste zu den anderen Sachen und ging zu den Aufzügen.

Vermutlich war er ein weiteres Geheimnis, das er würde hüten müssen.

*
Um 19.49 Uhr saß Baxter immer noch an ihrem Schreibtisch. Sie hatte alle zwanzig Minuten eine SMS geschickt, sich für ihre Verspätung entschuldigt und versprochen, so schnell wie möglich Schluss zu machen. Commander Vanita war nicht nur schuld daran, dass sie Finlays Abschiedsrede verpasst hatte, jetzt sabotierte sie auch noch ihre erste echte Abendverabredung seit Monaten. Vanita hatte darauf bestanden, dass Baxter bis zu ihrem Eintreffen bliebe.

Die beiden Kolleginnen hatten nicht viel füreinander übrig. Vanita, das medientaugliche Aushängeschild der Metropolitan Police, hatte sich offen gegen Baxters Beförderung ausgesprochen. Sie hatten bei den Ragdoll-Morden zusammengearbeitet, und Vanita hatte dem Commissioner hinterher erklärt, Baxter sei streitsüchtig, rechthaberisch und habe ein Autoritätsproblem. Ganz zu schweigen davon, dass sie sie immer noch für den Tod eines der Opfer verantwortlich machte. Baxter hielt Vanita im Gegenzug für eine PR-versessene Schlange, die schon beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten nicht gezögert hatte, Simmons als Sündenbock hinzustellen.

Zu allem Überfluss erhielt Baxter jetzt auch noch eine automatische E-Mail aus dem Archiv, die sie zum x-ten Male daran erinnerte, dass Wolf noch immer mehrere Akten zurückzugeben habe. Sie überflog die lange Liste, dachte wieder an ein paar der Fälle.

Bennett, Sarah: die Frau, die ihren Ehemann im Swimmingpool ertränkt hatte. Baxter war ziemlich sicher, dass ihr die Akte im Besprechungsraum hinter den Heizkörper gerutscht war.

Duboid, Leo: Was zunächst nach einer schlichten Messerstecherei ausgesehen hatte, hatte sich allmählich als einer der kompliziertesten, mehrere Abteilungen betreffenden Fälle der vergangenen Jahre entpuppt – Drogenschmuggel, illegaler Waffen- und Menschenhandel.

Wolf und sie hatten viel Spaß damit gehabt.

Sie bemerkte Vanita, die mit zwei anderen Personen im Schlepptau das Hauptbüro betrat, was ihre Hoffnung, vor 20 Uhr gehen zu können, augenblicklich schmälerte. Sie machte sich nicht die Mühe aufzustehen, als Vanita bei ihr hereinspazierte und sie so routiniert freundlich begrüßte, dass sie es ihr beinahe abgekauft hätte.

»DCI Emily Baxter, Special Agent Elliot Curtis vom FBI«, stellte Vanita vor und warf ihr dunkles Haar in den Nacken.

»Ist mir eine Ehre, Ma'am«, sagte die große schwarze Frau und streckte Baxter eine Hand entgegen. Sie trug einen maskulinen Anzug, hatte die Haare so streng zurückgebunden, dass man dachte, sie hätte sich den Schädel rasiert, und war nur minimal geschminkt. Obwohl sie wie Anfang dreißig aussah, vermutete Baxter, dass sie jünger war.

Ohne sich von ihrem Stuhl zu erheben, gab sie Curtis die Hand, während Vanita ihr den anderen Gast vorstellte, der sich scheinbar sehr viel mehr für den verbeulten Aktenschrank interessierte als für die Person, deren Bekanntschaft er machen sollte.

»Und das ist Special Agent ...«

»Wie special kann so ein Agent sein, frage ich mich«, fiel Baxter ihr ins Wort, »wenn jetzt schon zwei hier stehen?«

Vanita überging die Bemerkung:

»Wie gesagt ... Special Agent Damien Rouche von der CIA.«

»Rooze?«, fragte Baxter.

»Rouch?«, versuchte Vanita es noch einmal, war jetzt aber selbst unsicher geworden.

»Ich denke, es heißt Rouche, wie ›whoosh‹«, fügte Curtis hinzu und wandte sich hilfesuchend an den Betreffenden.

Baxter machte ein verdutztes Gesicht, als der zerstreut wirkende Mann sie höflich lächelnd mit einem Fistbump begrüßte und sich anschließend wortlos auf einen Stuhl pflanzte. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Er war glattrasiert, seine Haut teigig und die Tolle im graumelierten Haar fast schon herausgewachsen. Grinsend warf er einen Blick auf den schiefen Papierturm zwischen ihnen und dann auf den erwartungsfroh darunter harrenden Papierkorb. Die beiden obersten Knöpfe seines weißen Hemdes waren offen, dazu trug er einen abgenutzten, aber gut sitzenden marineblauen Anzug.

Baxter wandte sich an Vanita und wartete.

»Curtis und Rouche sind heute Abend aus den Staaten eingetroffen«, sagte Vanita.

»Alles klar«, erwiderte Baxter geduldiger als beabsichtigt. »Ich hab's heute Abend allerdings ein bisschen eilig, also ...«

»Darf ich, Commander?«, fragte Curtis Vanita höflich, dann wandte sie sich an Baxter. »Chief Inspector, Sie haben natürlich von dem Toten gehört, der vor knapp einer Woche gefunden wurde. Also ...«

Baxter zuckte ahnungslos mit den Schultern, noch bevor Curtis richtig losgelegt hatte.

»New York ... Brooklyn Bridge?«, fragte Curtis erstaunt. »Hing an den Metallstreben? Der Fall war weltweit in den Nachrichten.«

Baxter musste ein Gähnen unterdrücken.

Rouche kramte in seiner Jackentasche. Curtis erwartete, dass er etwas hervorzog, das ihnen weiterhalf, stattdessen riss er eine Familienpackung Jelly Babies auf. Als er ihren wütenden Gesichtsausdruck sah, bot er ihr welche an.

Curtis beachtete ihn nicht weiter, öffnete ihre Tasche und zog eine Akte hervor. Sie entnahm einige vergrößerte Fotos, die sie vor Baxter auf den Schreibtisch legte.

Plötzlich dämmerte ihr, weshalb die beiden sich auf den weiten Weg gemacht hatten, um mit ihr zu sprechen. Das erste Foto war unten von der Straße aus aufgenommen worden. Vor den Lichtern der Stadt zeichnete sich die Silhouette eines Körpers ab, der dreißig Meter weit oben an den Stahlseilen hing. Die Gliedmaßen waren zu einer unnatürlichen Pose verzerrt.

»Wir haben es noch nicht öffentlich gemacht, aber der Name des Opfers ist ... William Fawkes.«

Einen Augenblick lang verschlug es Baxter den Atem. Sie hatte sich sowieso schon ganz elend gefühlt, weil sie nichts gegessen hatte, aber jetzt fürchtete sie, ohnmächtig zu werden. Ihre Hand zitterte, als sie die Umrisse der verzerrten Gestalt berührte. Sie spürte die Blicke der anderen, die sie beobachteten und möglicherweise erneut Zweifel hegten an Baxters ungenauer Darstellung der dramatischen Ereignisse am Ende der Ermittlungen zu den Ragdoll-Morden.

Curtis fuhr mit neugieriger Miene fort.

»Aber nicht der William Fawkes«, sagte sie langsam und zog das oberste Foto vom Stapel. Das Bild eines nackten, übergewichtigen und ihr nicht bekannten Opfers in Großaufnahme war zu sehen.

Baxter hielt sich die Hand vor den Mund, sie war noch zu erschüttert, um etwas zu erwidern.

»Er hat für P. J. Henderson gearbeitet, die Investment Bank, verheiratet, zwei Kinder ... anscheinend will uns jemand damit etwas sagen.«

Baxter hatte die Fassung so weit wiedererlangt, dass sie die verbliebenen Fotos durchschauen konnte, auf denen der Tote aus allen möglichen Blickwinkeln zu sehen war. Ein Körper, keine Nähte. Ein nackter Mann Mitte fünfzig. Der linke Arm baumelte herab, das Wort »Köder« war mit tiefen Schnitten in die Brust geritzt. Schließlich gab sie die Fotos Curtis zurück.

»Köder?«, fragte sie und sah von einem Agenten zum anderen.

»Vielleicht verstehen Sie jetzt, dass wir Sie informieren wollten«, sagte Curtis.

»Nicht wirklich«, erwiderte Baxter, die schon fast wieder sie selbst war.

Fassungslos wandte sich Curtis an Vanita:

»Ich hätte eigentlich erwartet, dass Ihre Abteilung, mehr als jede andere, bemüht sein würde ...«

»Wissen Sie, mit wie vielen Nachahmungstätern wir es im vergangenen Jahr nach den Ragdoll-Morden in Großbritannien zu tun hatten?«, unterbrach Baxter sie. »Sieben ... von denen ich weiß, dabei gebe ich mir wirklich Mühe, möglichst nichts davon mitzubekommen.«

(Continues…)



Excerpted from "Hangman"
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