Im Sterben dem Leben begegnen: Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes

Im Sterben dem Leben begegnen: Mut und Mitgefühl im Angesicht des Todes

by Joan Halifax

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Overview

"Eine bewegende Meditation über die Palliativpflege ... ein äußerst lesbares Buch, das Leser aller Glaubensrichtungen anziehen wird, die Joan Halifax' Klarheit und Mitgefühl schätzen werden sowie die Aussagekraft der Geschichten über ganz normale Menschen, die ihren letzten Stunden mit stillem Mut entgegensahen." Publishers Weekly Die buddhistische Annäherung an den Tod kann für Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen von Nutzen sein – was Zen-Meisterin Joan Halifax über Jahrzehnte in ihrer Arbeit mit Sterbenden und ihren Begleitern immer wieder gezeigt hat. Dieses von traditionellen buddhistischen Lehren inspirierte Buch ist eine Quelle der Weisheit für alle, die einen sterbenden Menschen begleiten, ihrem eigenen Tod entgegensehen oder das transformierende Potenzial des Sterbeprozesses erforschen und betrachten wollen. Ihre Unterweisungen bestätigen, dass wir uns für unsere innere Stärke öffnen und allen, die leiden, helfen können, das auch zu tun.

Product Details

ISBN-13: 9783958831155
Publisher: Theseus Verlag
Publication date: 07/06/2016
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 288
File size: 473 KB

About the Author

Dr. Joan Halifax ist Zen-Priesterin und Anthropologin. Sie hat an der Columbia University, der University of Miami School of Medicine, der New School of Social Research und an der Naropa University gelehrt. Seit vierzig Jahren arbeitet sie mit sterbenden Menschen und hat Vorlesungen über Tod und Sterben an der Harvard Divinity School, der Harvard Medical School, der Georgetown Medical School und vielen anderen akademischen Institutionen gehalten. 1990 gründete sie das Upaya Zen Center, ein Zentrum für buddhistische Studien und soziales Handeln, in Santa Fe, New Mexico. 1994 gründete sie das Project on Being with Dying, in dem bereits Hunderte von Medizinern und Pflegekräften in der kontemplativen Begleitung Sterbender ausgebildet wurden.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Pfad der Entdeckung

Beglückende Dunkelheit

Ich bin in den Südstaaten aufgewachsen, und meine Großmutter stand mir als Mädchen sehr nahe. Ich genoss es, die Sommer in Savannah zu verbringen; dort arbeitete sie als Steinmetzin und Künstlerin und fertigte Grabsteine an für die Leute in der Gegend. In ihrem Dorf war sie eine außergewöhnliche Frau; sie ging ganz natürlich mit Krankheit und Tod um und diente der Gemeinschaft, indem sie sterbende Freunde begleitete.

Als sie jedoch selbst erkrankte, konnte ihre Familie ihr nicht die gleiche mitfühlende Anteilnahme zukommen lassen. Meine Eltern waren gute Menschen, doch wie so viele in dieser Zeit waren sie nicht darauf vorbereitet, sie in ihren letzten Tagen zu begleiten. Als meine Großmutter zuerst an Krebs erkrankte und dann auch noch einen Schlaganfall erlitt, wurde sie in ein Pflegeheim gebracht und dort größtenteils alleine gelassen. Ihr Sterben war langwierig und schwer.

Das war in den frühen 1960er Jahren, als die Schulmedizin das Sterben, so wie auch das Gebären, als Krankheit betrachtete. Der Tod wurde meist in einer Klinik außerhalb des eigenen Heims »abgewickelt«. Ich besuchte meine Großmutter in einem sterilen Saal des Pflegeheims, voll gestellt mit Betten, in denen Menschen lagen, die gedankenlos von ihren Verwandten im Stich gelassen worden waren – und ich werde niemals vergessen, wie sie meinen Vater anflehte, sie sterben zu lassen und ihr dabei zu helfen. Sie verlangte nach unserer Anwesenheit, aber wir wandten uns im Angesicht ihres Leidens ab.

Als sie schließlich starb, fühlte ich in mir einen tiefen Zwiespalt, Trauer und Erleichterung. Im Bestattungsinstitut blickte ich in ihren Sarg und sah, dass die tiefe Enttäuschung, die sich in ihr Gesicht eingegraben hatte, verschwunden war. Am Ende schien sie Frieden gefunden zu haben. Als ich dort stand und ihr friedliches Gesicht betrachtete, wurde mir bewusst, wie sehr ihre Not mit der Furcht der Familie, auch meiner eigenen, vor dem Tod zu tun hatte. In diesem Moment nahm ich mir selbst das Versprechen ab, für andere in ihrem Sterben da zu sein.

Obwohl ich protestantisch erzogen worden war, wendete ich mich kurz nach dem Tod meiner Großmutter dem Buddhismus zu. Seine Lehren gaben dem Leiden meiner Jugend eine Perspektive, und die Botschaft des Buddha war klar und direkt – Befreiung vom Leiden findet sich im Leiden selbst; dabei liegt es an jedem Einzelnen, seinen oder ihren eigenen Weg zu finden. Und dennoch: Der Buddhismus gibt uns einen Weg vor, der uns durch unsere Entfremdung hindurch zur Befreiung führt. Der Buddha lehrte, anderen zu helfen, während wir zugleich tiefe Konzentration, Mitgefühl und Weisheit entwickeln. Er lehrte auch, dass Erleuchtung keine mystische, transzendente Erfahrung ist, sondern ein andauernder Prozess, der auf drei grundlegenden Qualitäten beruht: Furchtlosigkeit, Vertrautheit, Offenheit – und dass unser Leiden abnimmt, wenn Verwirrung und Angst sich in Offenheit und Stärke verwandeln.

In meinen Zwanzigern begab ich mich in die »Höhle des blauen Drachen«, an den dunklen Ort, wo sich der ganze Morast meines jungen Lebens angesammelt hatte. Instinktiv war mir klar, dass ich Heilung durch meine eigene Erfahrung erlangen musste, dass ich die tiefen Muster, mit denen ich meinem Leiden begegnete, nur auflösen konnte, indem ich mich vollständig mit ihnenkonfrontierte. Ich spürte, dass ich mich mit der Nacht, mit der Dunkelheit verbinden musste, um zu überleben, und intuitiv verstand ich auch, dass nur darüber nachzudenken keine Lösung war. Ich musste mit dem Leiden praktizieren – das heißt, ich musste stillsitzen, mich betrachten und meiner eigenen Weisheit erlauben, aufzutauchen.

Durch die Bürgerrechtsbewegung und Proteste gegen den Vietnamkrieg hatte ich auch verstanden, dass der Rest der Welt ebenfalls litt. Bis in meine Knochen hinein spürte ich, dass buddhistische Lehren und Praktiken die Grundlage dafür sein konnten, mit sozialer und persönlicher Entfremdung umzugehen und sie zu transformieren. So entstand in mir ein tiefes Engagement für soziales Handeln. Meine eigenen Schwierigkeiten wurden durch die Arbeit mit Menschen, die größere Probleme hatten als ich, ins rechte Licht gerückt.

Der Tod meiner Großmutter veranlasste mich, in einem großen städtischen Krankenhaus in Dade County, Florida, auf dem Feld der medizinischen Anthropologie zu arbeiten. Der Tod wurde mein Lehrer, als mir immer wieder vor Augen geführt wurde, wie sehr spirituelle und psychologische Fragen plötzlich für alle drängend werden, die mit dem Tod konfrontiert sind. Ich entdeckte die Sterbebegleitung als spirituellen Weg, aber auch als Schulung darin, die tief in mir und meiner Kultur verankerten Muster der Abwehr abzulegen. Sterbende zu begleiten, auch das lernte ich, zwingt uns förmlich dazu, still zu sein, loszulassen, zuzuhören und sich dem Unbekannten zu öffnen.

Die Marginalisierung von Sterbenden beschäftigte mich sehr – die Angst und Einsamkeit, die sterbende Menschen erfuhren; die Empfindungen der Scham und Schuld, die in Ärzten, Pflegekräften, Sterbenden und Familien auftauchten, wenn die Wellen des Todes das Leben überfluteten. Ich spürte, dass spirituelle Begleitung Angst und Stress lindern konnte. Außerdem reduziert sie den Bedarf an bestimmten Medikamenten und teuren Behandlungen, Rechtsstreitigkeiten und die Zeit, die Ärzte und Pfleger damit verbringen, Menschen Mut zu machen. Sie hilft professionellen und familiären Betreuern, Leiden, Tod, Verlust, Trauer und Fragen nach der Bedeutung von Leben und Tod anzunehmen.

Während ich mit Sterbenden, Betreuern und Menschen, die ein Unglück erlitten hatten, arbeitete, praktizierte ich Meditation, um meinem Leben ein starkes Rückgrat der Praxis sowie ein offenes Herz zu verleihen, mit dem ich über das hinausblicken konnte, was ich zu wissen glaubte. Ich war dankbar, im Buddhismus so viele Praktiken und Einsichten zu finden, um achtsam und mitfühlend mit Leiden, Schmerz, Sterben, Versagen, Verlust und Trauer umzugehen – dem Stoff, den Johannes vom Kreuz die »beglückende Dunkelheit« genannt hat. Dieser bedeutende christliche Heilige hat erkannt, dass Leiden eine große Chance sein kann, denn ohne Leiden gibt es keine Möglichkeit der Entwicklung. Über all die Jahre verlieh die beglückende Dunkelheit meinem Leben Klarheit – ein Leben, in dem ich den Tod als Feind betrachtet hatte, begann, den Tod als Lehrer und Begleiter zu entdecken.

Als junge Anthropologin erforschte ich den Tod auch anhand der archäologischen Spuren der Menschheitsgeschichte. Durch die Jahrtausende und über Kulturen hinweg hat der Tod Furcht und Transzendenzerfahrungen, pragmatisches Umgehen und spirituelle Annäherung hervorgebracht. Die Grabstätten und die Höhlenmalerei jungsteinzeitlicher Menschen versuchen, das Mysterium in Knochen, Steinen, Körpern, die in fötaler Haltung niedergelegt wurden, sowie durch Abbildungen von Tod und Trance auf Höhlenwänden einzufangen.

Selbst heutzutage, egal ob Menschen naturnah oder in Wolkenkratzern leben, ist der Tod eine tiefe Quelle. Für die meisten von uns ist diese Quelle ihres Mysteriums beraubt. Und dennoch haben wir alle eine Ahnung davon, dass zum Zeitpunkt unseres Todes ein Splitter der Ewigkeit in uns befreit wird. Diese Intuition ruft uns zur Anteilnahme auf – dazu, einen Teil unseres Selbst zu betrachten, der vielleicht verdeckt war und lange schwieg.

Wenn der Tod näher rückt, vernimmt ein sterbender Mensch vielleicht eine leise innere Stimme, die ihn in die Freiheit ruft. Diese leise innere Stimme konnte auch ich hören, als ich Sterbende begleitete, in Meditation saß, mich im Einflussbereich von Kulturen aufhielt, die anders waren als meine eigene. Sie spricht zu uns allen, wenn wir ihr nur den stillen Raum geben, um gehört zu werden.

Meditation:

Wie wollen Sie sterben?

Vor ein paar Jahren las mir eine sterbende Freundin ein paar Zeilen aus dem hinduistischen Epos Mahabharata vor. Ich musste lächeln. Der edle König Yudhisthira (Sohn Yamas, des Herrn des Todes) wurde gefragt: »Was ist das Merkwürdigste in dieser Welt?« Yudhisthira antwortete: »Das Merkwürdigste in dieser Welt ist, dass überall um uns herum Menschen sterben, aber wir nicht glauben, dass es uns auch passieren kann.«

Wenn ich Menschen in Sterbebegleitung schule, beginne ich meist damit, nach unseren Geschichten über den Tod zu fragen, einschließlich unserer ererbten kulturellen und familiären Erzählungen. Es ist hilfreich, wenn wir uns diese bewusst machen, denn so lernen wir zu verstehen, wie wir unser Sterben begreifen, und öffnen uns dadurch neuen Vorstellungen.

Wir beginnen mit einer einfachen, direkten Frage: Was ist Ihre schlimmste Vorstellung davon, wie Sie wohl sterben werden? Die Antwort auf diese Frage lauert unter der Oberfläche unseres Lebens und prägt unbewusst viele Entscheidungen, durch die wir es gestalten. In dieser intensiven Praxis der Selbstbefragung bitte ich Sie, ohne groß nachzudenken und doch detailliert aufzuschreiben (einschließlich des Wie? Wann? Woran? Mit wem? Wo?), wie Sie sich den schlimmsten vorstellbaren Tod ausmalen. Schreiben Sie alles unzensiert auf, ohne sich zu korrigieren, und erlauben Sie den unkontrollierten Anteilen Ihrer Psyche, beim Schreiben aufzutauchen. Nehmen Sie sich dafür fünf Minuten Zeit.

Fragen Sie sich danach bitte, wie Sie sich fühlen, was Sie in Ihrem Körper spüren und was für Sie auftaucht. Schreiben Sie diese Reaktionen ebenfalls auf. An diesem Punkt ist es wichtig, dass Sie sich ganz offen und ehrlich selbst betrachten. Was teilt Ihr Körper Ihnen mit? Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und schreiben Sie auf, wie Sie sich fühlen, wenn Sie sich Ihren schlimmsten vorstellbaren Tod ausmalen.

Nehmen Sie sich dann weitere fünf Minuten, um eine zweite Frage zu beantworten: »Wie möchten Sie sterben?« Schreiben Sie auch diesmal wieder alles so detailliert wie möglich auf. Was ist die ideale Zeit, der ideale Ort und die ideale Art Ihres Todes? Wer wird bei Ihnen sein? Und auch diesmal wieder: Achten Sie am Ende darauf, was in Ihrem Körper und Geist geschieht, und notieren Sie diese Beobachtungen ebenfalls.

Machen Sie diese Übung, wenn möglich, mit einer zweiten Person, um zu sehen, wie unterschiedlich Ihre Antworten sein werden. Erstaunlicherweise teilt Ihr Gegenüber nicht unbedingt Ihre schlimmsten Ängste, aber auch Ihre Vorstellungen über einen idealen Tod sind nicht unbedingt die des anderen. Meine eigenen Antworten auf diese Fragen haben sich über die Jahre verändert. Heute denke ich, dass es schlimmer wäre, einen sinnlosen, gewaltsamen Tod zu sterben. Ein schleichender Tod würde mir vielleicht die Zeit geben, mich besser vorzubereiten. Außerdem wäre mein Sterben vielleicht hilfreich für andere.

Als ich an einem theologischen Seminar mehrere Kurse über Tod und Sterben gab, sagten ein Drittel der Studenten, dass sie im Schlaf sterben wollten. In anderen Situationen, in denen ich diese Fragen stellte, wollten mehr Leute allein und in Frieden sterben, als ich angenommen hatte. Viele wollten in der Natur sterben. Unter mehreren Tausend Antworten, die ich auf diese Frage erhielt, gab es nur wenige von Menschen, die im Krankenhaus oder Pflegeheim sterben wollten – auch wenn viele von uns genau dort sterben werden. Und fast jeder wünschte sich, dass der Tod eine spirituelle Erfahrung sein wird. Ein gewaltsamer, plötzlicher Tod wurde als eine der schlimmsten Arten des Sterbens betrachtet. Schmerzfrei zu sterben, spirituell begleitet, und einen Tod zu erfahren, der einen Sinn hat, wurde von vielen als die beste aller Möglichkeiten angesehen.

Nachdem Sie darüber nachgedacht haben, wie Sie sterben möchten, stellen Sie sich bitte noch eine dritte Frage: »Was sind Sie bereit dafür zu tun, um so zu sterben, wie Sie es sich wünschen?« Wir nehmen vieles auf uns, um uns für unseren Beruf auszubilden und zu schulen. Die meisten von uns verwenden viel Zeit und Energie darauf, sich um den eigenen Körper und die eigenen Beziehungen zu kümmern. Darum fragen Sie sich bitte: Was tun Sie dafür, sich auf einen harmonischen, sanften Tod vorzubereiten? Und wie können Sie sich für die Möglichkeit öffnen, Unsterblichkeit der Erleuchtung zu erfahren, sowohl im gegenwärtigen Moment als auch wenn Sie sterben?

CHAPTER 2

Das Herz der Meditation

Sprache und Stille

Vor Jahren begegnete ich einem alten tibetischen Lama, der glücklich darüber zu sein schien, dass sein Tod näher rückte. Ich fragte ihn, ob er so froh wirkte, weil er alt und bereit sei zu sterben. Er sagte, er fühle sich wie ein Kind, das zu seiner Mutter zurückkehrt. Dann erklärte er, wie seine lange Vorbereitung auf den Tod ihm überhaupt erst sein Leben gegeben habe. Jetzt, dem Tod ganz nahe, öffne sich sein Geist endlich seiner wahren Natur.

Spirituelle Praxis kann eine Zuflucht sein, ein geschützter Raum, in dem wir Einsichten über das gewinnen können, was außerhalb von uns, aber auch über das, was in unserem Herzen und unserem Geist geschieht. Sie kann Stabilität verleihen, die für Betreuer genauso wichtig ist wie für Sterbende. Durch sie lassen sich heilsame Geistesqualitäten wie Mitgefühl, Freude und Nicht-Anhaftung entwickeln – Qualitäten, die uns das Durchhaltevermögen dafür geben, dem Leiden zu begegnen und es möglicherweise zu verwandeln. Spirituelle Praxis kann auch der Ort sein, an dem Ungewissheit und Zweifel, also das, was Keats als »negative Befähigung« bezeichnete, sich in eine Zuflucht der Wahrheit verwandeln.

Eine sterbende Frau beschrieb ihre Meditationserfahrung so, als würde sie in den Armen ihrer Mutter gehalten werden. Sie erklärte, dass sie durch Meditation nicht versuche, ihrem Leiden zu entfliehen, sondern dass in ihr liebevolle Zuwendung und Stärke auftauchten. Indem sie sich für den Schmerz und die Ungewissheit öffnete, erkannte sie in ihrem Loslassen die Wahrheit des Nicht-Wissens. Diese Erfahrung verlieh ihr größeren Gleichmut.

Wenn wir still bei einem sterbenden Menschen sitzen, wenn wir an der Trauer von Familienangehörigen teilhaben, wenn wir darum ringen, mit der Furcht und Wut, dem Kummer und der Verwirrung von Menschen, deren Leben sich radikal verwandelt, ganz präsent zu sein, tauchen in uns möglicherweise starke und verstörende Empfindungen auf. Wir suchen dann vielleicht nach einen Weg, die Hitze oder Kälte unserer eigenen Geisteszustände zu akzeptieren und zu verwandeln. Falls wir in dieser Situation aus einer kontemplativen Praxis schöpfen können, kann uns das helfen, Stille, Offenheit und Geduld inmitten des Sturms zu finden – einschließlich des Sturms unserer eigenen Probleme, die wir mit dem Sterben haben.

Buddhisten bezeichnen ihre Meditationsübung oft als Praxis – da wir praktizieren, gegenwärtig zu sein. Wir müssen nicht perfekt sein, wir müssen einfach nur da sein. Eine regelmäßige Meditationspraxis macht uns das doppelte Geschenk von Sprache und Stille, Geschenke, die oftmals zusammen auftauchen, um uns zu helfen. Sprache vermittelt uns wichtige Einsichten über Herz und Geist; Stille ist wesentlich für die Entwicklung tiefer Konzentration, Ruhe und geistiger Stabilität. Kontemplative Ansätze, die mit diesem doppelten Geschenk arbeiten, bereiten uns sowohl auf unser Sterben als auch auf die Begleitung Sterbender vor. Einige setzen dazu Stille, Konzentration und Offenheit ein, während andere damit arbeiten, eine positive Einstellung und heilsame Geistesqualitäten zu entwickeln.

Manchmal denken wir vielleicht, dass Schweigen und Stille im Angesicht des Leidens nicht genügen. Wir fühlen, wir sollten etwas »tun« – sprechen, trösten, aktiv werden, putzen, uns bewegen –, »helfen« eben. Doch in der gemeinsamen Meditation halten Begleiter und Sterbende sich gegenseitig in einer stillschweigenden Vertrautheit, die jenseits von Trost oder Unterstützung ist. Wenn ich einen sterbenden Menschen begleite, frage ich mich bewusst, welche Worte hilfreich sind. Muss in diesem Moment wirklich etwas ausgesprochen werden? Kann ich mich mit ihr oder ihm in eine tiefere Vertrautheit begeben, eine Gemeinschaft jenseits von Worten und Handlungen? Kann ich mich entspannen und darauf vertrauen, einfach nur da zu sein, ohne mich mit meiner Person in die zarte Verbindung, die wir ohnehin teilen, einzumischen?

Ein Mann, der im Sterben lag, erzählte mir: »Ich erinnere mich, wie ich bei meiner Mutter war, als sie starb. Sie war alt, wie ich jetzt, und bereit, zu gehen. Ich saß einfach bei ihr, hielt ihre Hand ... würdest du jetzt meine halten?« Und so saßen wir in Stille beieinander, und die Berührung vereinte unsere Herzen.

Worte können, wie die Stille, ebenfalls hilfreich sein. Wir können der Gabe der Sprache vertrauen – im Gebet, als Poesie, Gespräch oder in geführter Meditation –, um die Bedeutung von Erfahrungen und Dingen deutlich zu machen. Wenn wir einem Sterbenden oder einem trauernden Familienmitglied einfach nur zuhören, hilft das der Person, die spricht. Dabei hängt alles davon ab, wie wir zuhören. Vielleicht können wir die Worte und Empfindungen so zurückspiegeln, dass der Sprecher zum ersten Mal wirklich hört, was er sagt. In dieser Weise Anteil zu nehmen, kann uns, den Zuhörenden, Einsicht und Inspiration verleihen. Sprache kann den Knoten lösen, der einen Menschen fest an die Angst bindet, und ihn Mitgefühl und ein offenes Herz spüren lassen. Wohlwollende Worte oder eine geführte Meditation können eine positive Haltung bewirken und hilfreiche Mittel auftauchen lassen, mit denen wir den Problemen begegnen können.

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Excerpted from "Im Sterben dem Leben begegnen"
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Copyright © 2008 Joan Halifax.
Excerpted by permission of Kamphausen Media GmbH.
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Table of Contents

Vorwort 11 Einführung: Die Trennung heilen 15 Erster Teil. Unbekanntes Terrain 23 1. Pfad der Entdeckung: Beglückende Dunkelheit 27 Meditation: Wie wollen Sie sterben? 31 2. Das Herz der Meditation: Sprache und Stille 35 Meditation: Starker Rücken, weicher Bauch 41 3. Den "Stachelschwein-Effekt" überwinden: Die Angst in Sanftmut verwandeln 45 Meditation: Barmherzigkeit – Das Ich mit dem anderen austauschen 53 4. Holzpuppe und Eisenmann: Selbstloses Mitgefühl, radikaler Optimismus 55 Meditation: Was ist wirklich wichtig? 66 5. Zuhause im Grenzenlosen: Verweilen in den Unermesslichen Geisteszuständen 71 Meditation: Unermessliche Geisteszustände für Leben und Sterben 82 6. Sie sterben bereits: Einsicht in Unbeständigkeit, Selbstlosigkeit und Freiheit 85 Meditation: Die neun Betrachtungen 94 Zweiter Teil. Furchtlosigkeit schenken 105 7. Fiktionen, die hindern und heilen: Der Wahrheit ins Gesicht sehen 109 Meditation: Zwei Wahrheiten bezeugen 115 8. Zwei Pfeile: "Ich habe Schmerzen" und "Ich leide nicht" 119 Meditation: Begegnung mit dem Schmerz 129 9. Furchtlosigkeit schenken: Gifte in Medizin verwandeln 133 Meditation: Geben und Nehmen in der Tonglen-Praxis 143 10. Sich um das eigene Leben kümmern, sich um die Welt kümmern: Den eigenen Grenzen mit Mitgefühl begegnen 147 Meditation: Grenzenlose Fürsorge 155 11. Das Juwelen-Netz: Gemeinschaften der Anteilnahme 157 Meditation: Kreis der Wahrheit 166 12. Verletzte Heiler: Die Schattenseite der Fürsorge 171 Meditation: Vier tiefgründige Überlegungen 183 Dritter Teil. Den Riss im Gewebe flicken 187 13. Durchgang zur Wahrheit: Aus der Furcht zur Befreiung 189 Meditation: Gehmeditation 197 14. Die Straße betreten: Wie wir uns erinnern und ausdrücken, bewerten und Sinn finden 201 Meditation: Durch den Atem loslassen 207 15. Zwischen Leben, zwischen Menschen: Wie wir vergeben, uns aussöhnen, Liebe und Dankbarkeit ausdrücken 209 Meditation: Unermessliche Geisteszustände für die Verwandlung von Beziehungen 214 16. Die große Angelegenheit: Den richtigen Weg gibt es nicht 215 Meditation: Begegnung mit dem Tod 226 17. Zerbrochener Kiefernzweig: Tod, Akzeptanz, Befreiung 233 Meditation: Auflösung der Elemente im Sterben 245 18. Dankbarkeit für die sterbliche Hülle: Sorge für den Körper nach dem Tod 253 Meditation: Leichenfeld-Betrachtung 262 19. Strom des Verlustes: In die Trauer eintauchen 267 Meditation: Begegnung mit der Trauer 274 Nachwort: Einssein mit dem Sterben 277 Danksagung 285 Über die Autorin 287

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