Im Wald: Kriminalroman

Im Wald: Kriminalroman

by Nele Neuhaus

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

Mitten in der Nacht geht im Wald bei Ruppertshain ein Wohnwagen in Flammen auf. Aus den Trümmern wird eine Leiche geborgen.  Oliver von Bodenstein und Pia Sander vom K11 in Hofheim ermitteln zunächst wegen Brandstiftung, doch bald auch wegen Mordes.  Kurz darauf wird eine todkranke alte Frau in einem Hospiz ermordet. Bodenstein ist erschüttert, er kannte die Frau seit seiner Kindheit.  Die Ermittlungen führen Pia und ihn vierzig Jahre in die Vergangenheit, in den Sommer 1972, als Bodensteins bester Freund Artur spurlos verschwand.  Ein Kindheitstrauma, das er nie überwand - und für viele Ruppertshainer eine alte Geschichte, an die man besser nicht rührt.  Es bleibt nicht bei zwei Toten. Liegt ein Fluch über dem Dorf?  Nele Neuhaus fängt die trügerische Dorfidylle Rupperthains ein, in der das Ermittlerduo in ihrem achten Fall ermittelt.  Der neue Bücher Bestseller der bekannten Krimi-Autorin schafft durch die Beschreibung von Originalschauplätzen und der Skizzierung des Dorflebens eine dichte Atmosphäre.  Die Verbrechen erschüttern diese Idylle und werden in diesem Buch zu Bodensteins persönlichstem Fall.  Mit dem Taunus-Krimi landet die deutsche Schriftstellerin erneut auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten.

Product Details

ISBN-13: 9783843714297
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 10/14/2016
Series: Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi , #8
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 560
Sales rank: 962,712
File size: 5 MB

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Read an Excerpt

CHAPTER 1

Dienstag, 7. Oktober 2014

»Danke fürs Mitnehmen.«

»Alles klar.« Der Mann nickte gleichgültig, setzte schon den Blinker, um sich wieder in den Verkehr einzufädeln, und blickte in den Außenspiegel. »Ciao!«

»Ciao!« Er kletterte aus dem Lieferwagen, zerrte seinen Rucksack aus dem Fußraum und schlug die Tür zu. Glück gehabt, dass der Typ angehalten hatte. Es zog sich nämlich ganz schön, den Berg hoch von Königstein bis zur Billtalhöhe, und er wollte vor Einbruch der Dunkelheit im Wohnwagen sein. Von den Pendlern, die aus Frankfurt in den Hintertaunus fuhren, nahm keiner einen Tramper mit, erst recht keinen Langhaarigen, der aussah wie ein Penner. So was täte sein Vater auch niemals. Der Lieferwagen tauchte in den Verkehrsstrom ein, und er wartete am Straßenrand, bis er endlich die Straße überqueren konnte.

Von hier aus waren es noch knapp anderthalb Kilometer Fußmarsch, dann hatte er sein Ziel erreicht, den Campingplatz am Waldfreundehaus. In den drei Monaten im Jugendknast hatte er jede Nacht vom Wald geträumt. Von Bäumen, die bis in den Himmel wuchsen, vom lehmigen Duft feuchter Erde, vom dämmerigen Licht und den Geräuschen. Er liebte den Wald, seitdem er denken konnte. Seine Schwester hatte immer Schiss gehabt, aber er mochte es, wenn sich die Bäume über ihm schlossen. Nur dann fühlte er sich geborgen. Vielleicht sollte er ja Förster werden. Oder Waldarbeiter, so lange, bis er das Abi nachgeholt hatte. Denn das hatte er vor.

Auf der linken Seite der Schotterstraße tauchten mehrere Weiher auf, die dem Angelsportverein gehörten. Zwischen Tannen und Fichten standen vereinzelte Laubbäume, deren Blätter sich schon herbstlich verfärbten. Als sich ein Auto näherte, verbarg er sich hinter dem Stamm einer mächtigen Buche. Niemand sollte ihn sehen. Im Laufe der Zeit hatte er gelernt, sich unsichtbar zu machen. Es dämmerte schon, als er endlich die große Waldwiese erreichte. Um nicht an der Ausflugsgaststätte vorbeigehen zu müssen, schlug er sich ein Stück durchs Unterholz, bog den rostigen Maschendrahtzaun herunter, der den Campingplatz umgab, und kletterte darüber. Dann setzte er sich unter einen Baum und wartete. Von seinem Platz aus hatte er einen ungehinderten Blick auf die Wohnwagen, die in einer großen Runde rings um die Wiese am Waldrand standen. Die meisten waren seit Jahren nicht mehr bewegt worden. Ihre Besitzer nutzten den Campingplatz zur Sommerfrische oder an den Wochenenden. Manchen der Wagen sah man allerdings an, dass sie schon sehr lange unbenutzt waren. In einem von ihnen wollte er die nächsten Tage unterkommen, bis er den Entzug hinter sich hatte.

Heute war Tag vier seiner neuen Zeitrechnung. Der Zeit ohne Drogen. Diese ersten vier Tage eines kalten Entzugs waren die schlimmsten, das wusste er, denn es war nicht der erste, den er machte. Im Knast hatte er schon dasselbe erlebt, aber danach hatte es keine Woche gedauert, bis er wieder voll drauf gewesen war. Diesmal wollte er es wirklich durchziehen. Er wollte weg von der ewigen Jagd nach dem Zeug, das sein ganzes Leben bestimmte. Endgültig. Das hatte er Nike versprochen. Und seinem Kind, das in ein paar Wochen zur Welt kommen sollte. Ein Junge würde es werden, Nike hatte es ihm auf dem Ultraschallbild gezeigt. Und dann hatte sie ihm gesagt, dass er nicht mehr wiederzukommen bräuchte, solange er nicht clean sei. Sie hatte dabei geweint, und er auch.

In dem Augenblick hatte er sich vorgenommen, es zu schaffen. Er wollte seinem Sohn ein Vater sein, ein guter Vater. Kein Junkie, der nur den nächsten Schuss im Kopf hatte und für den sein Sohn sich schämen musste. Vor allen Dingen aber wollte er ein besserer Vater sein, als seiner es für ihn gewesen war.

Die ersten drei Tage, die schlimmsten, hatte er in einem leerstehenden Haus in Bockenheim verbracht. Stöhnend hatte er sich von einer Seite auf die andere gewälzt. Der kalte Schweiß hatte widerlich nach dem Gift gestunken, das eine solche Macht über seinen Körper und seinen Geist hatte. Das ganze Zimmer hatte danach gerochen und nach Kotze und Urin. Vielleicht war es genau das, was er gebraucht hatte. Dieses Gefühl, das letzte Stück Dreck zu sein.

Er wartete, bis am späten Abend die Lichter im Wohnhaus neben der Gaststätte erloschen waren. In einem einzigen Wohnwagen auf der gegenüberliegenden Seite der Wiese brannte Licht, sonst war alles dunkel. Er hatte sich für den Wagen ganz am Ende der Kolonie entschieden. Die morschen Holzstufen der Veranda, die rings um den Wohnwagen führte, knarrten unter seinen Füßen. Das Schloss an der Tür war ein Witz. Er brauchte keine Minute, um es zu knacken. Drinnen roch es muffig und nach Schimmel, aber das war ihm egal. Mit dem Feuerzeug leuchtete er das Innere des Wohnwagens aus, das erstaunlich geräumig war. Natürlich alles im spießigen Fünfziger-Jahre-Look. Aber es gab ein Bett mit Kissen und Decken und ein Campingklo. Zu seiner Freude fand er mehrere Sixpacks mit Mineralwasser auf der Arbeitsfläche der Küchenzeile, im Hängeschrank Konservenbüchsen mit Ravioli und Thunfisch und Gläser mit eingemachtem Obst. Im abgeschalteten Kühlschrank, dessen Tür nur angelehnt war, lagen sogar noch sechs Dosen Bier. Hier konnte er es eine Weile aushalten. Er warf seinen Rucksack auf die Eckbank, streifte die Schuhe von den Füßen und ließ sich auf das Bett fallen. Noch zwei, drei Tage, dann konnte er Nike sagen, dass er clean war.

»Du wirst sehen, Nike«, murmelte er. »Alles wird gut.«

Minuten später war er tief und fest eingeschlafen.

CHAPTER 2

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Die Detonation ließ das alte Holzgebäude erbeben. Die Fensterscheiben klirrten, gleichzeitig begannen die Hunde draußen im Flur zu bellen. Felicitas Molin fuhr aus dem Tiefschlaf hoch, ihr Herz hämmerte, und sie wusste im ersten Moment nicht, wo sie war. Ein rötlicher Lichtschein fiel durch die Gardinen, die sich im Luftzug bauschten. Sie erkannte verschwommen die Digitalanzeige des DVD-Players unter dem Fernseher. 2:24. Erst dann fiel ihr ein, dass sie nicht in ihrer gemütlichen, sicheren Wohnung in Friedrichsdorf war, sondern im Haus ihrer Schwester. Mitten im Wald und völlig allein, kilometerweit entfernt von der nächsten menschlichen Behausung. Sie streckte die Hand aus. Statt eines vertrauten Körpers war da nur die Lehne des Sofas. Seit nunmehr neun Monaten, zwei Wochen und drei Tagen musste sie sich jedes Mal beim Aufwachen bewusst machen, dass auch Ehemann Nummer zwei aus ihrem Leben verschwunden war, und zwar auf äußerst schäbige Art und Weise. Genau genommen war er nämlich nicht einfach verschwunden, sondern hatte sie betrogen, gedemütigt und verlassen, nachdem er ihr Geld ausgegeben und dazu noch einen Riesenberg Schulden angehäuft hatte, für die sie nun geradestehen musste. Immer öfter dachte sie an ihren ersten Mann, mit dem sie fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen war, bevor sie ihn wegen dieses Bürschchens mit den treuen Hundeaugen und dem zugegeben äußerst appetitlichen Körper verlassen hatte. Bis heute fiel es ihr schwer zu begreifen, was geschehen war. Nichts war mehr übrig von ihrem Leben. Weil sie nicht mehr gewusst hatte, wo sie bleiben sollte, war sie schließlich hierher zu Manu und Jens gezogen, in diese grässliche alte Holzbude, die ein Eigenleben zu besitzen schien. Die Balken knackten und knarrten, der Wind heulte schaurig in den Kaminen, und in den Wänden glaubte sie permanent das Trippeln kleiner Pfoten zu hören. Die Nächte waren das Schlimmste. Am liebsten hätte Felicitas sich die Decke über den Kopf gezogen, den Knall und den seltsamen Lichtschein ignoriert und weitergeschlafen. Aber die Hunde bellten, als seien sie kurz davor, durchzudrehen.

»Was für ein blöder Mist!« Felicitas stemmte sich mühsam hoch und sackte wieder zurück. Sie war wieder auf der Couch eingeschlafen. Ihr Kopf dröhnte, das Zimmer drehte sich vor ihren Augen und ihre Zunge fühlte sich dick und pelzig an. Eine ganze Flasche Dornfelder und fünf Whiskey-Cola waren wohl ein bisschen viel gewesen, aber ohne die benebelnde Wirkung des Alkohols wäre sie gestern Abend wahrscheinlich vor Angst gestorben. Mühsam kam sie auf die Füße und schleppte sich zum Fenster. Sie schob die Gardine zur Seite, alles, was sie erkennen konnte, war ein diffuser Lichtschein drüben auf dem Campingplatz. Ohne Kontaktlinsen war sie blind wie ein Maulwurf. Auf dem Regal im Flur lag Jens' Feldstecher, mit dem ihr Schwager im Sommer gerne die jungen Mädchen in ihren Bikinis beobachtete. Felicitas tastete sich hinaus in den Flur. Die Hunde hatten aufgehört zu bellen, hockten aber beide vor der Haustür und knurrten. Plötzlich huschte heller Lichtschein über die Wände. Motorengeräusch! Felicitas erstarrte für eine Sekunde vor Schreck. Doch das Auto fuhr vorbei, und sie entspannte sich wieder. Kein Einbrecher, der ihr nach dem Leben trachtete, nur irgendjemand, der um diese Uhrzeit mitten im Wald unterwegs war. Ein Liebespaar vielleicht, das ein abgeschiedenes Plätzchen gesucht und gefunden hatte.

Zurück im Wohnzimmer, gelang es ihr kaum, das Fernglas scharf zu stellen, so sehr zitterten ihre Hände. Dann sah sie es. Weiter hinten auf der großen Waldwiese, auf der die Wohnwagen standen, brannte es, und zwar heftig. Es würde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Feuerwehr zu verständigen! Dummerweise hatte sie hier draußen null Handyempfang und das Festnetztelefon war vorne in Manus Büro. Just in dem Augenblick, als sie sich abwenden wollte, gab es auf dem Campingplatz eine zweite, noch heftigere Explosion. Eine grelle Stichflamme schoss in den schwarzen Nachthimmel, alle Fensterscheiben im Haus klirrten und die Hunde fingen wieder an zu bellen. Für ein paar Sekunden konnte Felicitas ganz deutlich die Umrisse eines Menschen vor dem hellorangefarbenen Feuerball erkennen. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu, und sie bebte am ganzen Körper, als sie nun hinaus in den Flur stürmte. Großer Gott! Da draußen war jemand, der die Wohnwagen anzündete! Sie traute sich nicht, das Licht einzuschalten. Erst gestern hatte sie in der Zeitung wieder von dem Feuerteufel gelesen, der seit Monaten hier in der Gegend sein Unwesen trieb und schon mindestens fünfzig Brände gelegt hatte.

Die Hunde bellten und jaulten vor der Tür des Windfangs wie rasend. Bear und Rocky waren Australian Cattle Dogs, furchtlose Tiere mit rötlich grauem Fell, hellen, wachsamen Augen und schneeweißen Zähnen. Sollte sie die zwei einfach nach draußen lassen? Was würde Manu wohl an ihrer Stelle tun? Ihre Schwester war immer pragmatischer und mutiger gewesen als sie, wahrscheinlich wäre sie direkt auf die Wiese marschiert, um den Kerl zur Rede zu stellen. Ach, verdammt, warum musste so etwas ausgerechnet jetzt passieren, wo ihre Schwester für sechs Wochen nach Australien geflogen und sie hier mutterseelenallein war? Felicitas schob die Tür zu dem kleinen Büro auf, tastete sich zum Schreibtisch vor und nahm das Telefon von der Ladestation. Mit zittrigen Fingern tippte sie die 112und schloss die Tür hinter sich, sonst hätte sie bei dem Hundegebell keinen Ton verstanden. Ihr Blick wanderte zum Fenster und vor Schreck setzte ihr Herz für ein paar Schläge aus. Da draußen stand ein Mann direkt hinter der Scheibe und grinste sie an.

*
»Dad! Da-ad! Papa, wach auf!«

Ein helles Stimmchen und eine energische kleine Hand, die nachdrücklich an seiner Schulter rüttelte, katapultierten Kriminalhauptkommissar Oliver von Bodenstein unsanft vom Traum in die Realität eines viel zu frühen Morgens.

»Wie spät ist es?«, murmelte er und blinzelte in das grelle Licht der Deckenlampe.

»Zwei – Fünf – Eins«, erwiderte Sophia, die noch Schwierigkeiten mit dem Lesen der Uhrzeit hatte. »Dein Handy klingelt seit Zwei – Drei – Sieben. Da ruft einer mit einer unterdrückten Nummer an.«

Das klang vorwurfsvoll. Bodenstein zuckte vor Schreck zusammen, als direkt neben seinem Ohr eine dissonante Tonfolge losschrillte.

»Ich hab's dir gleich mitgebracht, dann musst du nicht extra aufstehen.« Seine Tochter, sieben Jahre alt und hellwach, hielt ihm sein Smartphone entgegen. Anrufe mit unterdrückter Nummer konnten um diese Uhrzeit nur von Sophias Mutter kommen, wenn sie sich – wie es gerade der Fall war – in einem exotischen Land mehrere Zeitzonen entfernt aufhielt, oder vom KvD der Regionalen Kriminalinspektion in Hofheim. Bodenstein vermutete Letzteres und behielt recht. Auf einem Campingplatz mitten im Wald zwischen Königstein und Glashütten war ein Wohnwagen in Flammen aufgegangen, es hatte eine heftige Explosion gegeben, die man bis nach Königstein gehört hatte. Da ein Feuerteufel seit Monaten schon die ganze Region in Atem hielt und das K11 neben Verbrechen gegen das Leben auch für Brandsachen zwischen Main und Taunus zuständig war, hatte man ihn verständigt.

»Ich fahre gleich hin«, sagte Bodenstein und beendete das Gespräch. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und schloss die Augen. Läge dieser Campingplatz nur zweihundertfünfzig Meter weiter westlich, hätte das Telefon bei seinem Kollegen vom Hochtaunuskreis geklingelt. So ein Pech. Heute Nacht hatte er Bereitschaftsdienst, obwohl Sophia bei ihm war. Der Dienstplan konnte nicht immer Rücksicht auf seine private Situation nehmen, besonders nicht, seitdem die Kleine beinahe fest bei ihm wohnte. Die Ausnahme war mehr oder weniger zur Regel geworden.

»Musst du weg?«, erkundigte sich Sophia.

»Hm, ja.«

»Kann ich mitkommen?«

Gute Frage. Er konnte ein siebenjähriges Kind unmöglich allein im Haus lassen. Es war mitten in der Nacht, viel zu früh, um Eltern von Schulkameradinnen aufzuwecken und Sophia bei ihnen abzuladen. Zu seinen eigenen Eltern zu fahren würde einen ziemlichen Umweg bedeuten, und es war nicht sicher, ob sie es überhaupt hören würden, wenn er bei ihnen an die Haustür klopfte. Eine Klingel gab es am Gutshaus noch immer nicht.

»Gibt es Tote?«

Sophia klang genau wie ihre Mutter, Bodensteins Exfrau, die er vor beinahe dreißig Jahren am Schauplatz eines Selbstmordes kennengelernt hatte.

»Das weiß ich nicht«, antwortete er gähnend. »Es ist wahrscheinlich nur eine Brandstiftung.«

»Schade.« Sophia hüpfte auf das Fußende des Bettes. »Ich würde total gerne mal einen Toten sehen.«

»Wie bitte?« Bodenstein öffnete die Augen, richtete sich auf und musterte seine jüngste Tochter, die sich im Schneidersitz niedergelassen hatte und nachdenklich eine Strähne ihres dunklen Haares zwischen den Fingern zwirbelte.

»Na ja. Greta hat ihre tote Oma gesehen. Mit Blut und Gehirn und allem«, erwiderte Sophia. »Und ich bisher nur ein paar tote Tiere. Das ist voll ungerecht.«

»Du bist noch ein bisschen jung für den Anblick einer Leiche«, entgegnete Bodenstein trocken.

Karolines Tochter Greta war durch das Erlebnis vom Dezember vor zwei Jahren tief traumatisiert, doch offenbar hatte sie mit Sophia darüber gesprochen, und das konnte ein gutes Zeichen sein, denn sonst erwähnte sie den Tod ihrer Großmutter mit keinem Wort. Karoline hatte ihre Tochter damals sofort aus dem Internat geholt und das Mädchen von Kinderpsychologen betreuen lassen, ihr Exmann und sie hatten viel Zeit mit Greta verbracht, und Karoline, die selbst ein schweres Trauma erlitten hatte, reiste seitdem nur noch dann, wenn Greta bei ihrem Vater war. Die meiste Zeit arbeitete sie nun von zu Hause aus, um jederzeit für ihre Tochter da sein zu können.

Bodenstein schwang die Beine über den Bettrand. »Was mache ich jetzt mit dir?«

»Ich will mitkommen!« Sophia sprang mit einem Satz aus dem Bett, ihre Augen glänzten. »Bitte, Dad! Bitte, bitte, bitte!«

»Es ist drei Uhr morgens«, erinnerte er sie. »Du musst morgen in die Schule, und eigentlich solltest du noch etwas schlafen.«

»Ich bin total ausgeschlafen«, behauptete Sophia. »Und ich kann ja morgen Mittagschlaf machen, wenn ich aus der Betreuung komme. Bitte, Papi!«

Er hatte ohnehin keine andere Möglichkeit, als sie mitzunehmen. Cosima ließ die Kleine zwar schon gelegentlich für ein paar Stunden alleine in ihrer Wohnung, wenn sie irgendwohin musste, aber nicht nachts.

»Dann zieh dich an. Und nimm gleich deinen Ranzen mit.«

»Juhu!« Sophia machte einen Luftsprung und sauste aus dem Schlafzimmer. Bodenstein blickte ihr kopfschüttelnd nach, dann öffnete er den Kleiderschrank und zog einen warmen Pullover heraus. Er kannte den Campingplatz am Waldfreundehaus, oben auf der Billtalhöhe. Im Wald war es grundsätzlich ein paar Grad kühler als innerhalb einer Ortschaft, und Mitte Oktober konnte es im Taunus nachts schon empfindlich kalt werden.

*
Die Straßen lagen wie ausgestorben da, alle Häuser waren dunkel. Nur die Straßenlaternen warfen ein mattes orangefarbenes Licht auf die Hausfassaden und den Asphalt, der noch völlig trocken war.

Vor Tag und Tau, ging es Bodenstein durch den Kopf, als er in die Robert-Koch-Straße abbog, die das kleine Taunusörtchen Ruppertshain in zwei Hälften teilte. Unterhalb der Straße lag der alte Teil des Ortes mit seinen verwinkelten Gassen, oberhalb waren die Neubaugebiete in den letzten vierzig Jahren den steilen Hang empor gekrochen. Am Zauberberg, der ehemaligen Lungenheilstätte, setzte Bodenstein den Blinker und bog rechts in Richtung Königstein ab. Sogar für Zeitungsausträger war es noch zu früh. Wer jetzt unterwegs war, war per se verdächtig. Zu 70 Prozent wurden Verbrechen nachts verübt. Nicht ohne Grund fürchtete der Mensch die Dunkelheit.

(Continues…)



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