Junge Leute in der Stadt: Roman

Junge Leute in der Stadt: Roman

by Rudolf Braune

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Overview

Berlin, Weltwirtschaftskrise 1929, Arbeitslosigkeit und politische Konfrontationen. Der arbeitslose Kraftfahrer Emanuel kommt vorübergehend bei seinem Freund Fritz in dessen kleiner Wohnung unter, lernt am gleichen Tag die selbstbewusste Revue-Tänzerin Susi kennen, sie weckt gleich sein Interesse, sie verlieben sich ineinander, es passiert ungeheuer viel an so einem Tag. Mittels Montagetechnik und vielfältiger Erzählstränge verschafft uns Rudolf Braune einen Einblick in das Leben junger Erwachsener zum Ende der Weimarer Republik. Insgesamt sind es sieben junge Leute, deren Wege sich in Berlin kreuzen, realistisch erzählt mit genauen Milieubetrachtungen und großartigen dialogischen Passagen. Orte dieser Begegnungen sind u. a. Warenhaus, Friseurladen, Buchhandlung, Café, Fabrik, Tankstelle, Hotel, Sportplatz und Polizeiwache. Während einer Arbeitslosendemonstration wird ein Polizist mit einem Polizeiseitengewehr niedergestochen. Man verdächtigt Emanuel. Abends in Susis Revue wird er verhaftet, es kommt zu einer Gerichtsverhandlung. Es ergeht folgendes Urteil: Lernen Sie den "Dichter, Menschenfreund und Menschenkenner" (Volker Weidermann) Rudolf Braune und die "Jungen Leute in der Stadt" kennen. "Braunes Werke sind als Arbeiterliteratur zwar weitgehend in Vergessenheit geraten, sie gelten jedoch wegen ihrer ungewöhnlichen Stilsicherheit und, bei aller Parteilichkeit, differenzierten Personenzeichnung und Handlungsführung als bedeutende Beispiele der erzählerischen Neuen Sachlichkeit in der deutschen Literatur." (Wikipedia)

Product Details

ISBN-13: 9783944621159
Publisher: Reese Verlag
Publication date: 08/21/2013
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 364
File size: 701 KB

About the Author

Rudolf Braune (* 16. Februar 1907 in Dresden; † 12. Juni 1932 bei Düsseldorf) war ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Rudolf Braune war der Sohn eines Eisenbahnbeamten. Er besuchte ein Gymnasium oder eine Realschule in Dresden und verließ die Schule vermutlich bereits mit 14 Jahren, um Buchhändler zu werden. 1925 gab er mit befreundeten Schülern die scharf antibürgerliche Zeitschrift MOB heraus, die nach vier Ausgaben wegen der Intervention der Schulbehörden wieder eingestellt wurde. Braune ging 1927 als überzeugter Kommunist nach Düsseldorf, wo er als Buchhändler arbeitete und vermutlich ein Volontariat bei der kommunistischen Tageszeitung Freiheit absolvierte. Parallel veröffentlichte er Artikel in der Weltbühne und in der Frankfurter Zeitung. In der Freiheit erschienen die meisten journalistischen Arbeiten Braunes, darunter auch in Fortsetzungen sein erster Roman Der Kampf auf der Kille. Zwei weitere Romane (Das Mädchen an der Orga Privat und Junge Leute in der Stadt) wurden 1930 und 1932 veröffentlicht. Das Erscheinen von Junge Leute in der Stadt erlebte Braune bereits nicht mehr, da er beim Schwimmen im Rhein ertrunken war. (Quelle: Wikipedia)

Read an Excerpt

ABSCHIED VOM ZIMMER Ein ganz gewöhnliches Zimmer in einem ganz gewöhnlichen Miethaus, nichts Besonderes, nichts Auffälliges, nichts Eigenartiges darin. Zuerst war alles still in dem Zimmer. Der Morgenwind bauschte den weißen Vorhang im offenen Fenster, es gab ein leises, zartes Geräusch. Der Atem des Schlafenden war zu hören, ruhig, gleichmäßig. Draußen pfiff ein Stadtbahnzug vorbei, die Räder holperten; je weiter er sich entfernte, um so stockender wurde das Rattern, tattat - tat ... tattat - tt ... tat - tt ... tat ... Zwei Schläge einer Kirchenglocke, eine Sirene vom Automontagen-betrieb, ein dicker, nach oben sich verbreiternder weißer Strahl in der Luft. 5 Uhr 30. Um diese Zeit wurde die Strecke lebhafter, Zug hinter Zug, der Rauch kroch in die taufeuchten Bahnböschungen, die Häuser am Bahndamm zitterten - alte, hohe Kästen, angerußt, bejahrt und mürrisch. Der Heizer eines Zuges spuckte im weiten Bogen über die Böschung, der Speichel zog sich auseinander, wurde ein Stück vom Winde fortgetragen, hochgetrieben und schließlich zerfetzt. Interessiert sah der Mann auf der Maschine seiner Schöpfung nach. Im Zimmer war alles still, kein Atem mehr zu hören. Der junge Mann im Bett lag noch auf derselben Stelle, die Decke war heruntergerutscht, sie bedeckte den Unterkörper, das rechte Bein hatte sich freigestrampelt. Seine Augen waren geöffnet, sie starrten an die Decke. Diese Decke glich allen übrigen Decken, milchigweiß getüncht, mit großen Sprüngen und Rissen, ein gipsernes kärgliches Stuckornament in der Mitte. In der linken Ecke, nach dem Fenster zu, befand sich ein brauner, schmutziger Fleck von beträchtlichem Umfang, der darauf hindeutete, daß die Decke bei Regengüssen wasserdurchlässig war. Immerhin, in diesem Sommer konnten die Bewohner des Zimmers nicht klagen, große Gewitter waren ausgeblieben, auf den Asphaltstraßen promenierten dauernd die Sprengwagen, und in frommen Dörfern veranstalteten die Bauern Bittprozessionen für die verdorbenen Felder. Der junge Mann starrte zur Decke und horchte. Nach dem langen Pfiff des Automontagenbetriebes mußten schnell hintereinander aus entgegengesetzten Richtungen zwei Stadtbahnzüge kommen. Er hörte sie schon aus einiger Entfernung pfeifen, sie polterten rasch näher, eine Weile floß das Holpern und Stampfen zu einem einzigen knirschenden Lärm zusammen, die Fenster zitterten, die Maschinen heulten, die Züge lösten sich wieder, man konnte die Geräusche des stadtwärts fahrenden Zuges vom Vorortzug unterscheiden, das Räderrollen wurde sanfter, ferner, leiser ..., das also war bestimmt 5 Uhr 30. Der junge Mann im Bett angelte nach einer Armbanduhr, die auf einem Stuhl lag. Er sah sie an, die Zeiger standen auf zehn vor zwölf. Sein Gesicht verzog sich, er warf die Uhr auf den Stuhl zurück, wälzte sich herum, den rechten Unterarm unter dem Hinterkopf, und starrte wieder die Decke an. Der junge Mann dachte nach. Seine Gedanken waren sehr einfach. Die Uhr hätte schon lange mal repariert werden müssen. Wird drei Mark kosten. Viel zu teuer. Man kann eigentlich nie kontrollieren, was mit den Dingern los ist. Die Uhrmacher werden es genauso drehen wie wir in der Montage. Statt der neuen Zündkerze berechnet man eben einfach eine Kurbelwelle, vorausgesetzt, daß ein Greenhorn sich opfert ... Gott, war das ne schöne Zeit. In fremden Kästen durch die Stadt flitzen, probeweise, Benzin riechen, vor den Mädchen dicke tun, am Freitag Geld in der Tasche haben. Und dann saß man auf der Straße. „Wir haben Sie vorgemerkt, tut uns leid, Überangebot an Chauffeuren.“ Ein paar Wochen geht das schließlich, dann beginnt es zu kribbeln im Kopf, immer zu kribbeln. Untätig auf den Arbeitsämtern herumzusitzen, morgens und abends den Zettel hereinreichen. Arbeit? „Kommen Sie morgen wieder.“ Man marschiert durch die Straßen, Hände in den Hosentaschen, sieht sich Schaufenster an, Parfüm, Haarwasser, Kognak, liest Firmenschilder, Plakate, Theaterzettel, in den Annoncenexpeditionen den Anzeigenteil der Zeitung: Für erstklassige Neuheit (großer Massenartikel) Vertreter gesucht, Tagesverdienst bis zu 50 Mark! Vertreter zum Verkauf an Private für kleine Artikel gegen hohe Provision gesucht. Täglich Geld. Talentierten, strebsamen Herren wird Lebensstellung geboten. Kenntnisse nicht erforderlich. 4 bis 500 Mark Kaution! Gegen das Kribbeln im Kopf gibt es dreierlei Mittel: Kartenspielen und Warten, im Flur des Arbeitsamtes, auf Bänken im Park, mit anderen Jungens, Einsatz: Zigarettenkippen. Das ist das erste. Alles auf eine Karte setzen. Das kalte Ding einstecken. 'Ne Sache ausknobeln, sauber aber und genau beäugen. Fix und eifrig sein, keine Fehler machen. Lohngelder oder 'ne kleinere Bank. Einzelgänger, keine Kolonnenarbeit, und dann ... Das ist das zweite. Die Sachen packen, abmelden, eine Karte nach Hause schreiben. „Lieber Vater, mit der Arbeit ist es hier schlecht. Ich will mal ein paar Monate auf die Walze gehen. Vielleicht finde ich in der Schweiz was. Oder bei den Bauern. Sorge Dich nicht. Dein Emanuel.“ Das wären die drei Mittel. Emanuel Roßhaupt, Chauffeur mit den Führerscheinen II und III B, 1909 geboren in der Provinz, aufgewachsen ohne besondere Zwischenfälle in einem Nest mit zweimal hunderttausend Einwohnern, in die große Stadt gegangen, um sein Glück zu machen, hatte diese drei Mittel noch nicht versucht; das erste, weil er nicht Karten spielen konnte und gegen Kippen ein berechtigtes Mißtrauen hatte, das zweite, weil er gern ins Kino ging und die Moral von Hollywood für nicht schlecht hielt, das dritte, weil er es damit immer noch probieren konnte, wenn kein Ausweg blieb. Und dieser Augenblick war jetzt gekommen. Er konnte sich unter Glück noch etwas vorstellen. Arbeit zum Beispiel und dann Geld und dann Essen und dann Kino und dann ein Motorrad. Ein Mädchen vielleicht. Jeden Tag konnte es kommen, jeden Morgen, im Arbeitsamt ... Herr Roßhaupt? Hier wäre etwas für Sie. Aber manchmal vergehen die Tage zu langsam, man schläft in der Hitze ein, und nachts wacht man auf, sieht aus dem Fenster hinaus auf die Strecke, sieht den Zügen nach, den Lichtern, den funkensprühenden Maschinen. Sie fahren, sie haben Kohle, sie haben Passagiere, und die Passagiere haben Geld. Ein Redakteur kommt von seiner Nachtarbeit. Junge Mädchen waren im Theater. Ein Assessor liest einen Kriminalroman, komisch, daß Justizbeamte auch Kriminalromane lesen. Eine junge Statistin träumt von einer großen Rolle. Ein kleiner Beamter nimmt ein Lotterielos aus seiner Brieftasche und prägt sich die Nummer ein. Eine alte Frau denkt an ihren Sohn, er ist weit fort und schreibt immer, er habe eine gutbezahlte Stellung, aber nach Hause könne er leider nicht. Unter ihnen aber holpern die Räder. Er sieht den Zügen nach, bis die Augen schmerzen, bis er schwankt vor Müdigkeit, dann fällt er wieder ins Bett.

Table of Contents

ABSCHIED VOM ZIMMER DAS TAXI RÜCKKEHR INS ZIMMER DIE POLIZEIWACHE DAS WARENHAUS DAS ARBEITSAMT DER FRISEURLADEN DAS ZIMMER DER MÄDCHEN DIE BUCHHANDLUNG DAS CAFÉ DIE FABRIK DER SPORTPLATZ DIE TANKSTELLE DAS HOTEL DAS FREMDE ZIMMER DIE ZELLE DAS GERICHT

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