Mitternachtsmädchen

Mitternachtsmädchen

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

"Es geht auch fast ohne Blut … und ist trotzdem wahnsinnig spannend." Oliver Steuck, WDR 2 Lesen Uppsala im Frühling: Die Studenten der Universitätsstadt feiern die Walpurgisnacht, als im Hörsaal der Anatomie die Leiche einer blonden Studentin gefunden wird, die eindeutige Würgemale aufweist. Schon zuvor wurden mehrere blonde Frauen überfallen und gewürgt. Genau wie bei der toten Studentin, fehlte allen Opfern der linke Schuh. Die Polizei will ein Täterprofil erstellen und ruft Psychiaterin Nathalie Svensson zu Hilfe. Zermürbt vom Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann stürzt Nathalie sich in die Ermittlungen. Denn das Opfer ist die Tochter einer guten Freundin, und ihr ist klar: solange der Täter nicht gefasst wird, ist keine junge Frau in Uppsala sicher.   "Jonas Moström schreibt mit einer nie nachlassenden Intensität, die den Leser durch die Nacht treibt." Arne Dahl

Product Details

ISBN-13: 9783843718523
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 02/22/2019
Series: Ein Nathalie-Svensson-Krimi , #3
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 448
File size: 3 MB

About the Author

Jonas Moström wurde 1973 geboren. Er begann während seiner Elternzeit damit, an seinem ersten Roman zu arbeiten, der 2004 erschien. Seine Krimis um Psychiaterin Nathalie Svensson sind in Schweden Bestseller. Er lebt und arbeitet als Arzt in Stockholm.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

UPPSALA, MITTWOCH, 7. Mai

Nathalie Svensson schlug die Augen auf und war sofort hellwach. In ihren Schläfen hämmerte der Puls, und das Nachthemd klebte auf ihrer Haut. Gleichzeitig war ihr kalt. Die Bilder und Stimmen eines Traumes lösten sich langsam auf und zogen davon.

Wovon der Albtraum gehandelt hatte, lag auf der Hand, in den letzten Wochen war so viel Schreckliches passiert wie nie zuvor in ihrem Leben. Die Wahrheit über den zehn Jahre zurückliegenden Mord an Adam, der Liebe ihres Lebens. Der brutale Tod ihres Vaters Victor. Der wiederaufgenommene Kontakt mit ihrer jüngeren Schwester Estelle und die Frage, ob sie etwas mit den Morden in Sundsvall zu tun hatte. Zu allem Überfluss fand heute auch noch die Abschlussverhandlung im Sorgerechtsstreit statt, die ihr wie ein Kloß im Magen lag. Und als wäre das alles nicht genug, sollte sie nun zusätzlich mit der OFA, der Einheit für operative Fallanalyse des Zentralkriminalamts, nach einem Serienvergewaltiger suchen, der seit Montag auch ein Mörder war.

An den Seiten des dunkelblauen Rollos stahl sich Sonnenlicht ins Zimmer. Die Vögel zwitscherten vor dem Fenster wie am ersten Tag der Schöpfung. Der Kontrast zu Nathalies Gefühlswelt hätte nicht größer sein können. Sie setzte sich auf und sah auf ihr Handy auf dem Nachttisch.

05:59 Uhr.

Der Wecker war auf sechs gestellt. Dass sie eine Minute vorher aufwachte, zeigte nur, wie aufgewühlt sie war. Normalerweise war sie morgens müde und stellte den Wecker gern ein- bis dreimal weiter, vor allem wenn sie – wie jetzt – eigentlich früher aufstehen wollte, um noch Zeit für die lange Laufrunde zu haben.

Sie stand auf, reckte sich und warf einen Blick in den Spiegel am Kleiderschrank. Ihre dunkelbraunen Locken hingen ihr schlaff über die Schultern, die Spitzen waren zerfranst. Zeit für einen Haarschnitt, dachte sie. Im bläulichen Halbdunkel sahen ihre Oberarme, der Bauch und die Hüften richtig gut aus, obwohl sie in den vergangenen Tagen eher nachlässig gewesen war, was Ernährung und Sport anging. Sie musste an John Axbergs Kommentar denken, dass sie der Fernsehköchin Leila ähnlich sehe. Nathalie wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und dachte, der Ansicht wäre er bestimmt nicht, wenn er sie jetzt sehen könnte – ungeschminkt und blass, mit glänzender Haut und geschwollenen Augen.

Vorsichtig schlich sie sich zu Gabriel ins Zimmer. Wie immer hatte ihr Sohn sich im Schlaf freigestrampelt. Arme und Beine lagen kreuz und quer wie bei einem Hampelmann. Oft dachte sie, dass ihm sein ADHS bis in die Träume folgte, doch jetzt schlief er zu ihrer Erleichterung tief und fest. Sie deckte ihn zu und ging dann zu Tea. Ihre sechsjährige Prinzessin, die viel zu klug für ihr Alter war, lag auf dem Rücken, die Arme gerade neben dem Körper. Decke und Kissen sahen noch genauso ordentlich aus wie beim Einschlafen. Ihr dunkler Zopf ruhte friedlich auf der linken Schulter. Teas Atem ging so still, dass Nathalie die Hand auf den Brustkorb des Mädchens legen musste, um sich zu vergewissern, dass er sich auch wirklich hob und senkte.

Sie sah nach, ob die Handys der Kinder aufgeladen waren, und ging dann hinunter ins Erdgeschoss. Normalerweise wachten die beiden nicht auf, bevor sie zurück war, und sie wussten, dass ihre Mutter nie länger als zwanzig Minuten aus dem Haus ging.

Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, band ihr Haar zu einem Zopf zusammen und putzte sich die Nacht aus dem Mund. Im Flur schlüpfte sie in den neongrünen Trainingsanzug, befestigte den Schrittzähler am Bein und schnürte ihre Schuhe. Das Unbehagen, das der Traum hinterlassen hatte, saß ihr immer noch in den Knochen, doch nun wurde es von einem anderen, konkreteren verdrängt, und das rührte von der Wirklichkeit her, aus der es leider kein Erwachen gab.

Als sie vor die Haustür trat, verstand sie plötzlich, warum die Vögel so ein lebhaftes Konzert gaben. Der Himmel war wolkenlos, und sie musste kurz die Augen zusammenkneifen, um sich an das kräftige Sonnenlicht zu gewöhnen. Der Mälarsee lag spiegelglatt da und glänzte wie ein Silbertablett zwischen den Ufern des Ekoln. Die Masten der Boote am Skarholmen standen still wie auf einem Gemälde. Das Einzige, was sich bewegte, waren die Blaumeisen und Grünfinken, die zwischen dem Vogelhäuschen und der knospenden Birke hin und her flatterten, dort an den Zweigen hatte sie mit den Kindern Meisenknödel aufgehängt. Sie beschloss, weder die Playlist mit den englischen Boygroups zu hören noch die Lieder, die sie im Ekeby-Chor probten. Heute wollte sie allein dem Frühling und ihrem eigenen Herzschlag lauschen, während sie sich die Unruhe aus dem Körper lief.

Sie schloss die Haustür ab. Obwohl sie hörte, wie der Kolben ins Schloss glitt, musste sie zur Sicherheit noch einmal die Klinke hinunterdrücken. Als sie am Briefkasten vorbeiging, startete sie die Stoppuhr und nahm sich vor, ihre persönliche Bestzeit zu unterbieten. Das dachte sie jedes Mal beim Joggen – sowohl hier auf ihrer heimischen Runde in Kungshamn südlich von Uppsala als auch beim Laufen durch den Kungliga Djurgården nach ihren Ausgehnächten in Stockholm –, doch heute war der Gedanke eher Gewohnheit als ein Ausdruck von Willenskraft.

Wie immer waren die ersten Schritte am anstrengendsten. Sobald sie hundert Meter vom Haus entfernt das erste Waldstück erreichte, waren die Gelenke nicht mehr ganz so steif und die Muskeln besser durchblutet.

Ihre Gedanken wanderten zu dem Fall, dessentwegen Hauptkommissar Ingemar Granstam gestern Abend angerufen hatte. Im Zentrum von Uppsala waren innerhalb von achtundvierzig Stunden zwei Studentinnen brutal vergewaltigt worden. Der erste Überfall hatte sich in der Walpurgisnacht vor Schloss Uppsala ereignet, der zweite hinter der Bibliothek Carolina Rediviva. Beide Angriffe hatten um Mitternacht stattgefunden, die Mädchen waren beide blond und blauäugig. Der Täter war von hinten auf sie losgegangen und hatte versucht, sie während der Vergewaltigung zu erdrosseln, anschließend war er mit dem Fahrrad vom Ort des Verbrechens geflohen. Eigentlich war das kein Fall für die OFA-Einheit. Als aber auf dem Seziertisch des anatomischen Theaters im Gustavianum eine weitere blonde Studentin gefunden wurde, die nicht nur vergewaltigt, sondern zudem erwürgt worden war, hatte man die Fallanalytiker hinzugezogen.

Als Granstam Nathalie um Hilfe bat, hatte sie zuerst gezögert. Der Sorgerechtsstreit und die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter Sonja wegen der Beerdigung ihres Vaters machten ihr eigentlich schon genug zu schaffen. Außerdem sollte sie morgen eine große Vorlesung in der Universitätsaula halten, und am Freitag wollte Estelle mit den Kindern vorbeikommen. Nathalie hatte geplant, in ihrer freien Woche Zeit mit Gabriel und Tea zu verbringen, ein paar Reparaturen im Haus zu erledigen und wenn möglich noch ein bisschen liegen gebliebene Forschungsarbeit aufzuholen.

Aber Granstam hatte sie eindringlich gebeten. Und als Nathalie erfuhr, dass es sich bei dem dritten Opfer um Hanna, die Tochter ihrer Freundin Cecilia, handelte, hatte sie zugesagt. Nathalie war die führende Expertin für Serienvergewaltiger in den nordischen Ländern, und wenn sie sich vor dieser Aufgabe drückte, würde sie Cecilia nicht mehr in die Augen sehen können.

Um halb neun war der Termin beim Sozialamt, und für zehn war eine Besprechung der OFA-Einheit im Polizeipräsidium angesetzt. Nathalie steigerte das Tempo. Die Milchsäure stieg in ihren Beinen, als sie die kleine Anhöhe am Ende des Waldstücks hinauflief, wo das Gelände in einen bewirtschafteten Acker überging. Sie folgte dem Pfad, der zwischen dem Feld und dem Ufer des Ekoln entlangführte, und sah ihr Spiegelbild auf der glatten Wasseroberfläche. Mit jedem Schritt erschienen mehr Bilder von Hanna vor ihrem inneren Auge.

Die junge und hübsche Hanna, genauso ausgelassen und fröhlich wie der Frühling an diesem Morgen. Als Granstam erzählte, dass sie die erdrosselte junge Frau im Gustavianum war, hatte Nathalie gespürt, wie etwas in ihr zerbrach.

Cecilia und Hanna. Sie waren sich zum Verwechseln ähnlich, sowohl äußerlich als auch vom Wesen her, und ihr Verhältnis war so innig, wie Nathalie es sich für die Zeit, wenn ihre eigenen Kinder mal ins Teenageralter kamen, nur wünschen konnte. Nathalie hatte Cecilia im Ekeby-Chor kennengelernt. Cecilia wohnte drei Blöcke von dem Haus in Kåbo entfernt, das Håkon seit der Scheidung nun alleine bewohnte, und früher waren sie oft gemeinsam zu den Chorproben gefahren.

Nachdem Cecilia die furchtbare Nachricht übermittelt worden war, hatte Nathalie versucht, so gut es ging für sie da zu sein. Sie hatte mit ihr geredet, zugehört und sich die tröstenden Worte verkniffen. Heute Abend würde sie ihr Essen vorbeibringen und über Nacht bei ihr bleiben. Cecilia war geschieden und seither alleinstehend, und Hanna war ihre einzige Tochter gewesen.

Aus dem burschikosen Schulkind, das Hanna einmal gewesen war, hatte sich eine hübsche junge Frau entwickelt. Sie hatte den Chor bei den Proben oft am Klavier begleitet, und im ersten Semester ihres Medizinstudiums hatte sie Nathalies Vorlesungen besucht. Erst in den Weihnachtsferien noch hatte sie auf Tea und Gabriel aufgepasst, als Nathalie einen Babysitter brauchte.

Es war einfach unbegreiflich, dass Hanna nun nicht mehr da war. Die Tränen brannten unter ihren Lidern, und während sie das Tempo weiter erhöhte, ließ sie ihnen freien Lauf.

Als sie die Kurve an Gustavssons Scheune erreichte, vibrierte das Handy in ihrer Tasche. Ihr erster Gedanke war, dass Gabriel und Tea aufgewacht waren. Während sie noch mit dem Reißverschluss kämpfte, hörte sie einen Hund kläffen, dreimal kurz hintereinander, dann war es still. Das Geräusch kam aus der Richtung ihres Hauses, schien ihr, und sie hob den Blick über den Acker hinüber zum Wald und zum Wasser.

Keine Seele war zu sehen. In der unmittelbaren Nachbarschaft gab es keine Hunde. Sie fragte sich, wie er wohl hierhergekommen war.

Oder hatte sie sich verhört?

CHAPTER 2

FRÜHER

Er setzt sich auf. Hier geht irgendetwas Unheimliches vor. Er spürt es ganz deutlich. Wovon ist er aufgewacht? Das Geräusch hallt noch in dem dunklen Zimmer nach. Er zittert am ganzen Körper. Tastet mit den Fingern das Bett und seine Hose ab. Alles trocken, aber ruhiger ist er deshalb nicht.

Das Herz in seiner Brust ist das Einzige, was er hört. Ein blauweißes Licht fällt durchs Fenster. Schneeflocken so groß wie Wattebausche rieseln schnurgerade vom Himmel, als wären sie aufgefädelt. Er sagt einen der Kinderreime auf, mit denen seine Mutter ihn immer beruhigt. Sie hat noch kein neues Rollo besorgt, und Adventslichter wird es dieses Jahr wohl auch nicht geben.

Noch einmal murmelt er den Kinderreim vor sich hin. Allmählich treten die Konturen des Schreibtischs und seiner Spielsachen hervor. Alles sieht aus wie immer, aber er hat nach wie vor Angst.

Kam der Schrei von Mama? Er klammert sich an die Bettdecke, hofft, dass alles nur Einbildung war.

Der Sandmännchen-Schlafanzug ist nass geschwitzt und hat einen Schokomilchfleck am linken Ärmel. Nach dem Abendbrot ist Mama gegangen und hat gesagt, er müsse jetzt ein großer Junge sein und alleine ins Bett gehen. Wenn er das tun würde, bekäme er vielleicht ein Paar neue Schlittschuhe zu Weihnachten.

Er muss hinüber zu Mama, auch wenn er eigentlich nicht zu ihr ins Zimmer darf. Was, wenn sie wieder wütend wird?

Als er die Füße auf den kühlen Kunststoffboden setzt, hört er sie stöhnen. Auf wackligen Beinen geht er in den Flur. Das Licht einzuschalten, wagt er nicht. Draußen vor den Fenstern liegt der Schnee zu Wehen aufgetürmt, die das Licht der Straßenlaternen reflektieren.

Als er sich ihrem Schlafzimmer nähert, wird es dunkler im Flur. Drei Schritte vor der Tür hört er erneut ein deutliches Wimmern. Er bleibt stehen und hält sich die Ohren zu. Das dämpft ihre Stimme ein wenig, aber nicht ganz.

Er beißt sich auf die Lippe und geht zur Tür. Legt die Hand auf die Klinke. Sie ist kalt wie Eis.

»Mama, Mama, hallo?«

Seine Stimme ist schwach und dünn. Noch immer klingt es, als würde ihr jemand wehtun. Die Tür ist abgeschlossen.

Er holt Luft, um zu schreien, bringt aber nur ein Schluchzen hervor. Die unheimlichen Geräusche werden lauter und lauter.

Mit einem Kloß im Hals läuft er zurück in sein Zimmer. Sagt wieder und wieder den Kinderreim auf.

Als er sich die Bettdecke über den Kopf zieht, fasst er einen Entschluss.

Eines Tages wird er diese Tür öffnen.

CHAPTER 3

Das Handy vibrierte unerbittlich an ihrem Oberarm, und die Unruhe in ihr stieg, auch wenn sie wusste, dass es vermutlich keinen Grund dafür gab. Hin und wieder überkam sie noch einmal die Angst aus der Zeit, als sie von diesem Stalker verfolgt wurde, und ihre Abwehrtechniken funktionierten leider nicht immer.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie gar nicht genau wusste, ob die Terrassentür abgeschlossen war. Am Abend zuvor war Gabriel in den Garten gestürmt und wollte Fußball spielen, als es Zeit fürs Bett war. Sie musste hinter ihm her und ihn ins Haus holen, und danach hatte sie vielleicht vergessen, wieder abzuschließen?

Nein, jetzt reiß dich mal zusammen, ermahnte sie sich. Mit einem Ruck bekam sie endlich den Reißverschluss auf und sah auf dem Handydisplay, dass der Anruf von ihrer Mutter Sonja kam. Bestimmt wollte sie Nathalie nur wieder damit in den Ohren liegen, dass sie doch bitte mit zur Beerdigung ihres Vaters kommen sollte. Aber was Victor getan hatte, war unverzeihlich, und sie hatte nicht vor, ihm mit ihrer Anwesenheit Ehre zu erweisen. Entschlossen drückte sie den Anruf weg.

Als sie zurück in das Waldstück kam, liefen ihre Beine wie von selbst. Das Haus sah genauso aus, wie sie es verlassen hatte, und weit und breit war kein Hund zu sehen. Trotzdem ließ sie das Gefühl nicht los, von irgendwem beobachtet zu werden.

Sie kam am Briefkasten ins Ziel, blieb auf dem Schotterweg stehen und hielt die Stoppuhr an. Als sie sah, dass sie ihre Bestzeit genau um eine Sekunde verfehlt hatte, fluchte sie laut.

Keuchend wartete sie, bis sich der hämmernde Herzschlag in ihrer Brust ein wenig beruhigt hatte. Sie sah sich um, ließ den Blick über das Wasser, die Wiesen und den umliegenden Wald schweifen. Nichts. Dann holte sie die Uppsala Nya Tidning aus dem Briefkasten und sah, dass die oberste Schlagzeile von der bisher ergebnislosen Fahndung nach dem SERIENVERGEWALTIGER IM HISTORISCHEN UPPSALA handelte.

Unter dem Foto des Ermittlungsleiters Vincent Schytt waren drei Studentinnen abgebildet, die sich abends nicht mehr allein auf die Straße trauten. Zuunterst auf der Seite gab es einen Artikel über eine Berufssoldatin, die Selbstverteidigungskurse anbot.

Als Nathalie die Tür aufschloss, sah sie noch einmal Hanna vor sich. Hörte Granstams besorgte Stimme: »Dieser Täter wird nicht aufhören, bis wir ihn fassen.«

CHAPTER 4

Maria überlegte, was sie an diesem Abend anziehen sollte. Er hatte gerade geschrieben und ein Treffen um acht vor der Markthalle vorgeschlagen. Von da aus könnten sie zu einer der Studentennationen spazieren und etwas trinken. Klingt super, hatte sie mit einem Lächeln auf den Lippen geantwortet. In zwölf Stunden würden sie sich sehen. Genug Zeit, um sich vorzubereiten.

Die Morgensonne fiel durch die bunten Fenster und tanzte über Bänke und Fußboden des Doms. Der Frühling war da, und sie fühlte sich so lebendig wie nie. Vielleicht würden sie ja später unter freiem Himmel sitzen, in einem der Lokale mit Außenbereich, die sich gerade genauso schnell vermehrten wie all die schönen Blumen im Universitätspark.

Sie musste sich zwischen dem weißen Hemd und dem grünen Top mit V-Ausschnitt entscheiden. Dass sie die neue schwarze Dieseljeans anziehen würde und dazu die Lederjacke, die sie zum zwanzigsten Geburtstag von ihrem Vater bekommen hatte, stand schon fest. Sie spürte ein Kribbeln im Bauch. Das war ihr erstes richtiges Date. Wie auch immer es verlaufen würde, in ihrem bisher so zurückgezogenen und isolierten Leben war es auf jeden Fall ein Fortschritt.

Sie ging zum Regal mit den Gesangsbüchern und begann, die Bücher ordentlich nebeneinanderzustellen. Die Kirchturmuhr schlug achtmal. Im Kirchenschiff, das, wie sie gelesen hatte, genauso lang wie der Turm hoch war, hallte der Glockenklang unter den gotischen Bögen nach. Dann wurde es still. Für den Nebenjob, mit dem sie an den freien Tagen ihres Theologiestudiums ihr Studiengeld aufstockte, würde sie heute noch drei Stunden arbeiten müssen, bevor sie Feierabend hatte. Anschließend wollte sie zuerst im Park ihr Butterbrot essen und danach wie jeden Mittwoch ihre Großmutter im Seniorenheim besuchen. Dann noch ein paar Stunden Büffelei, und sie konnte sich endlich für den Abend fertig machen.

Allein der Gedanke daran, dass sie, die Jungs gegenüber immer so schüchtern gewesen war, jetzt ein Profil auf einer Dating-Seite hatte, beflügelte sie und ließ die Arbeit zu einem Tanz werden. Die Aufgaben erledigten sich wie von selbst, während sie sich allerlei Gedanken darüber machte, wer er wohl war, wie er aussah und wie seine Stimme klang. Er wirkte reifer als die Jungs, mit denen sie bisher gechattet hatte. Auf der Seite war sie nun schon seit einem halben Jahr registriert, aber erst jetzt fühlte es sich zum ersten Mal so gut an, dass sie ein Date wagen wollte.

(Continues…)


Excerpted from "Mitternachtsmädchen"
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