Muttertag

Muttertag

by Nele Neuhaus

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

Sie hatten ein Geheimnis. Sie mussten sterben. An einem Sonntag. Der neue Bestseller von Nele Neuhaus Im Wohnhaus einer stillgelegten Fabrik wird eine Leiche gefunden. Es handelt sich um den ehemaligen Betreiber des Werks, Theodor Reifenrath, wie Kriminalhauptkommissarin Pia Sander feststellt. In einem Hundezwinger machen sie und ihr Chef Oliver von Bodenstein eine grausige Entdeckung: Neben einem fast verhungerten Hund liegen menschliche Knochen verstreut und die Spurensicherung fördert immer mehr schreckliche Details zutage. Reifenrath lebte sehr zurückgezogen, seit sich zwanzig Jahre zuvor seine Frau Rita das Leben nahm. Im Dorf will niemand glauben, dass er ein Serienmörder war. Rechtsmediziner Henning Kirchhoff kann einige der Opfer identifizieren, die schon vor Jahren ermordet wurden. Alle waren Frauen. Alle verschwanden an einem Sonntag im Mai. Pia ist überzeugt: Der Mörder läuft noch frei herum. Er sucht sein nächstes Opfer. Und bald ist Anfang Mai.

Product Details

ISBN-13: 9783843718806
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 11/19/2018
Series: Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi , #9
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 560
Sales rank: 711,086
File size: 3 MB

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CHAPTER 1

Dienstag, 18. April 2017

Kriminalhauptkommissarin Pia Sander saß auf der untersten Treppenstufe und band ihre Sneakers zu. Beim Versuch aufzustehen, fuhr ihr der inzwischen schon vertraute Schmerz zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel messerscharf durch den Rücken, und sie sackte mit einem unterdrückten Stöhnen zurück. Bevor sie nach dem Treppengeländer griff, um sich wie eine alte Frau daran empor zu hangeln, lauschte sie auf die Geräusche, die aus der Küche drangen. Es musste nicht sein, dass Christoph Zeuge dieser demütigenden Aktion wurde. Pia streckte vorsichtig den Rücken und der Schmerz ließ nach. In ein paar Wochen wurde sie fünfzig, und auch wenn sie sich im Grunde genommen gar nicht so alt fühlte, rächte sich ihr Körper nun für den Raubbau, den sie an ihm getrieben hatte. Das war einer der Gründe, weshalb Christoph und sie im Januar beschlossen hatten, den Birkenhof zu verkaufen. Der Hauptgrund war jedoch gewesen, dass sie sich auf dem Hof nicht mehr wohlgefühlt hatte. Zwei Mal war bei ihnen eingebrochen worden, das letzte Mal im vergangenen November, während sie alleine zu Hause gewesen war. Es war eine glückliche Fügung, dass just zu der Zeit die Leute, die vor ein paar Jahren Christophs Häuschen in Bad Soden auf Rentenbasis gekauft hatten, aus dem Rhein-Main-Gebiet wegziehen wollten und darum gebeten hatten, den Vertrag aufzulösen, was Christoph nur zu gerne getan hatte. Pia war die Entscheidung, den Birkenhof zu verkaufen, leichter gefallen, als sie befürchtet hatte. Ihre Pferde und Hunde waren nacheinander dahingeschieden, nur eine Katze war verblieben und die war mit umgezogen. Einen Käufer für den Hof zu finden war überhaupt kein Problem gewesen, sie hatten sogar die Wahl gehabt und schließlich an den Meistbietenden, einen türkischen Landschaftsgärtner, verkauft. Am vergangenen Donnerstag hatte Pia eine Mail vom Notar erhalten, dass der Kaufpreis in voller Höhe auf dem Notar-Ander-Konto eingegangen war, sodass die Schlüsselübergabe wie geplant morgen Abend um 18 Uhr stattfinden konnte.

Als Pia die Küche betrat, stand Christoph an der Kochinsel mit einer Tasse Kaffee in der Hand und studierte die Zeitung, die er vor sich ausgebreitet hatte. Die schwarz-weiß gefleckte Katze hatte es sich auf der Eckbank gemütlich gemacht und beobachtete jede seiner Bewegungen aus unergründlichen grünen Augen.

»Na, was macht dein Rücken nach der Kistenschlepperei gestern?« Er warf Pia einen prüfenden Blick über den Rand seiner Lesebrille zu.

»Alles super«, behauptete sie und gab ihm einen Kuss. »Ich bin fit wie ein Turnschuh.«

»Wirklich? Du hast dich ganz schön hin und her gewälzt heute Nacht.«

»Man ist halt nicht mehr fünfundzwanzig.« Pia nahm einen Kaffeebecher aus dem Hochschrank, stellte ihn unter den Kaffeeautomaten und drückte auf die Taste mit dem Symbol für Caffè Crema. »Ich habe aber richtig gut geschlafen.«

Und das stimmte. Nach zwölf Jahren direkt neben einer der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands empfand sie das Fehlen des beständigen Dröhnens als unglaublich wohltuend. Christoph war glücklich, wieder in dem Haus zu wohnen, in dem er zwanzig Jahre lang gelebt hatte. Seine jüngste Tochter Antonia wohnte mit ihrem Mann Lukas und ihren zwei kleinen Kindern nur ein paar Häuser weiter. Drei Monate hatten Umbau und Modernisierung gedauert, und in der Woche vor Ostern hatten sie Urlaub genommen, um ihre gesamte Habe in Kisten zu packen und den Hof aufzuräumen. Der neue Eigentümer hatte sämtliche Gerätschaften sowie Traktor, Miststreuer, Pferdehänger und sogar Pias uralten Geländewagen mitgekauft, was die Sache enorm erleichtert hatte. Am Gründonnerstag um acht war der Möbelwagen gekommen und innerhalb von zwei Stunden hatten die Möbelpacker alles verladen. Als sie das Tor des Birkenhofs hinter sich abgeschlossen hatte, hatte Pia Erleichterung verspürt statt Wehmut. Es war an der Zeit, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, genauso wie damals, vor zwölf Jahren, als sie nach der Trennung von Henning den Birkenhof gekauft und sich in die Arbeit gestürzt hatte.

Pia nahm einen Schluck heißen Kaffee und blätterte durch den Lokalteil des Höchster Kreisblatts, den Christoph schon gelesen hatte. Sie überflog die Artikel und wie üblich die Todesanzeigen auf der letzten Seite.

»Weißt du«, sagte sie zu ihrem Ehemann, »vorhin im Bad habe ich darüber nachgedacht, wie sehr mir doch Straßenlaternen, Nachbarn, das Läuten von Kirchenglocken, Geschäfte und Restaurants in Laufdistanz gefehlt haben. Ist es schlimm, wenn ich dem Birkenhof so gar nicht nachtrauere?«

»Überhaupt nicht«, erwiderte Christoph. »Wir hatten eine schöne Zeit dort, jetzt geht es hier weiter. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Das wusste schon Hermann Hesse.«

Pia musste lächeln. Christoph brachte die Dinge immer auf den Punkt. Sie trank den Kaffee aus und stellte die Tasse in die Spülmaschine.

»Bis heute Abend«, sagte sie, ergriff Jacke und Tasche, winkte der Katze zum Abschied und verließ zum ersten Mal ihr neues Zuhause, um arbeiten zu gehen.

* * *

Im K 11 war nicht viel los. Laut Dienstplan weilten Kathrin Fachinger und Cem Altunay im Urlaub, und der Chef der Abteilung, Kriminalhauptkommissar Oliver von Bodenstein, hatte noch drei Tage frei, war allerdings nicht verreist und deshalb in Bereitschaft. Nur die Kriminaloberkommissare Tariq Omari und Kai Ostermann hielten die Stellung. Letzterer futterte gerade eine Zimtschnecke und hob grüßend die Hand, als Pia das Büro betrat, das sie sich mit ihm teilte.

»Wünsche frohe Ostern gehabt zu haben«, sagte er kauend.

Pia kannte keinen Menschen, der so viel essen konnte, ohne dabei dick zu werden, wie ihren Kollegen Kai, obwohl er durch seine Behinderung gehandicapt war und nicht in dem Umfang Sport treiben konnte, wie es andere Leute mit seiner Kalorienzufuhr wohl hätten tun müssen, um schlank zu bleiben.

»Gleichfalls.« Sie zog drei Packungen Schokoladenostereier und einen Schokohasen aus ihrer Schultertasche und legte sie auf einen von Kais Schreibtischen. »Frohe Ostern nachträglich.«

»Oh, danke!«

»Besser, du isst das Zeug als ich.« Pia zwinkerte ihm zu. »Bei mir geht jedes Gramm mittlerweile auf die Hüften.«

Früher, in einem Büro mit Pia und Frank Behnke, hatte Kai Ostermann sich mit einem einzigen Schreibtisch begnügen müssen, aber seit Behnke nicht mehr da und Pia während Bodensteins Abwesenheit ins Chefbüro umgezogen war, hatte er sich einen uförmigen Arbeitsbereich aus drei Tischen errichtet, der mit den vier Bildschirmen und mehreren Tastaturen ein bisschen so aussah, wie Pia sich den Handelsraum einer Großbank vorstellte. Sie hatte ihn nie gefragt, wie er die Mittel für seine Technik bei Kriminaldirektorin Dr. Engel lockergemacht hatte, aber wahrscheinlich hätte er es ihr ohnehin nicht verraten.

»Hattest du einen schönen Urlaub?« Kai verstaute die Mitbringsel in einer Schublade, die immer gut mit Knabberzeug gefüllt war. Die Zeiten, in denen er mit Schlabberhosen, abgetragenen T-Shirts und einer fettigen Pferdeschwanzfrisur herumgelaufen war, waren vorbei. Seitdem er eine Freundin hatte, achtete er sehr auf sein Äußeres. Auch heute hatte er sein kurz geschnittenes Haar mit Gel zurückfrisiert und trug zu einer engen dunkelblauen Jeans ein schneeweißes Hemd und eine Weste. Seine Verwandlung hatte dazu geführt, dass Dr. Nicola Engel, die Leiterin der Kriminalpolizei bei der Regionalen Kriminalinspektion Hofheim, Pia in einem Vier-AugenGespräch unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, sie erwarte von ihr einen der Position als Interims-Kommissariatsleiterin angemessenen Kleidungsstil, außerdem sei sie für Jeans, Kapuzenjacken und Turnschuhe wohl mittlerweile zu alt. Pia hatte sich gemaßregelt gefühlt und verärgert erwidert, sie werde sich weiterhin exakt so kleiden, wie es ihr passe, und das hatte sie auch getan. Aber seitdem dachte sie jeden Morgen beim Anziehen an dieses Gespräch, und die Unbefangenheit war dahin, obwohl sie die Leitung der Abteilung letztes Jahr wieder an ihren alten und neuen Chef Oliver von Bodenstein übergeben hatte. Sicher hätte der Vorfall erheblich weniger an Pia genagt, wenn Dr. Engel nur ihre Chefin gewesen wäre, aber sie war seit fünf Jahren auch die Lebenspartnerin ihrer jüngeren Schwester Kim, also fast so etwas wie ihre Schwägerin, und sie hatte mit der ihr eigenen Impertinenz Kim dazu gebracht, sich einzumischen und ihre Partei zu ergreifen, was zu einem Zerwürfnis zwischen den Schwestern geführt hatte.

»Wir sind doch umgezogen«, erinnerte Pia ihren Kollegen. Sie ließ sich hinter ihrem Schreibtisch nieder, schloss die Schubladen auf und suchte nach der Packung Ibuprofen, die sie dort deponiert hatte. »Da kann von Erholung keine Rede sein. Was war hier los?« »Letzte Woche so gut wie gar nichts«, erwiderte Kai. »Tariq ist gerade in Frankfurt beim Haftrichter. In einer Flüchtlingsunterkunft in Flörsheim gab's gestern Abend eine Messerstecherei mit tödlichem Ausgang.«

»Haben wir den Täter?«

»Ja. Ein abgelehnter marokkanischer Asylbewerber. Eine Stunde nach der Tat wurde er am S-Bahnhof festgenommen. War vollumfänglich geständig.«

Da Kriminaloberkommissar Tariq Omari, der seit drei Jahren zum Team des K 11 gehörte, fließend Arabisch sprach, brauchte er keinen Dolmetscher, wenn es in den Flüchtlingsunterkünften zu Straftaten kam, was leider immer häufiger der Fall war.

»Sehr gut.« Pia hatte die Tabletten gefunden und drückte eine aus der Blisterpackung. »Ist die Engel eigentlich im Haus?«

»Ich glaube, ja. Zumindest habe ich vorhin ihr Auto auf dem Parkplatz gesehen.«

Pia fuhr ihren Computer hoch, checkte die E-Mails, die in der letzten Woche eingegangen waren. Ein paar externe Anfragen, eine Doodle-Umfrage für die Verabschiedung eines Kollegen, ein Rundschreiben des Polizeipräsidenten, der wieder einmal mahnte, für dienstliche Kommunikation ausschließlich die Dienst-BlackBerrys zu nutzen und keine unsicheren Messenger-Dienste. Nichts wirklich Dringendes. Sie griff gerade nach der Post, die auf dem Stapel Akten lag, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte.

»Hi, Pia«, meldete sich der Polizeiführer vom Dienst. »Ich hab etwas für euch. Wir haben gerade die Meldung reinbekommen, dass in einem Haus in Mammolshain eine männliche Leiche entdeckt wurde. Eine Streife ist auf dem Weg.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«, wollte Pia wissen.

»Die Zeitungsausträgerin. Sie hat sich über den vollgestopften Briefkasten gewundert und durch ein Fenster geguckt. Offenbar liegt der Tote schon ein bisschen länger da.«

»Alles klar.« Pia legte die Briefe wieder zur Seite. »Ich fahre hin. Hast du eine Adresse?«

Sie notierte einen Straßennamen und eine Hausnummer, bedankte sich und stand auf.

»Ich muss nach Mammolshain«, sagte sie zu Kai. »Wie es aussieht, haben wir eine Wohnungsleiche.«

»Soll ich Tariq anrufen und ihn auch hinschicken?«

»Nee, lass mal.« Pia ergriff ihre Tasche. »Ich schau mir das erst mal an und melde mich.«

Kriminalhauptkommissar Oliver von Bodenstein hatte den Vormittag genutzt, um sich noch einmal gründlich auf seine morgige Aussage im Mordprozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Frankfurt vorzubereiten. Verhandelt wurde gegen einen 56-jährigen Mann und seine 49-jährige Freundin wegen des vor zweiundzwanzig Jahren gemeinschaftlich begangenen Mordes an der Ehefrau des 56Jährigen. Der Vorwurf lautete auf Mord aus Habgier und weiteren niederen Beweggründen, denn die getötete Ehefrau war wohlhabend gewesen, und die heute 49-jährige Freundin damals schon die Geliebte des Ehemannes. Zweiundzwanzig Jahre hatte man den beiden nichts nachweisen können, denn die Freundin hatte dem Mann ein Alibi gegeben, das nicht zu widerlegen war. Vom Geld der ermordeten Ehefrau hatten sie in Saus und Braus gelebt, unbehelligt von der Polizei und ausgerechnet in dem Haus, in dem die Frau im Badezimmer getötet worden war, während nebenan die gerade zweijährige Tochter des Ehepaares geschlafen hatte. Da Mord in Deutschland nicht verjährt, war der Fall vor einem halben Jahr routinemäßig wieder überprüft worden, und man hatte die damals festgestellten Spuren erneut untersucht. Seit 1995 hatte sich in der Kriminaltechnik, besonders auf dem Gebiet der DNA-Analyse, sehr viel getan, und so hatte die Auswertung der Spurensicherungsfolien, mit denen der gesamte Körper der Leiche abgeklebt worden war, ein spektakuläres Ergebnis erbracht: DNA-Spuren der Freundin, die seinerzeit behauptet hatte, nicht im Haus des Ehepaars gewesen zu sein, waren am Arm der Toten festgestellt worden. Ein erdrückender Beweis dafür, dass sie entgegen ihrer Aussage doch im Badezimmer gewesen sein und physischen Kontakt zu der Getöteten gehabt haben musste. Damit war auch das Alibi, das sie ihrem Freund verschafft hatte, geplatzt, und Bodenstein hatte die beiden vor vier Monaten festgenommen. Der Haftrichter hatte das Paar umgehend in U-Haft geschickt und nun wurde ihnen der Prozess gemacht. Kein Zweifel, dass das Urteil für jeden lebenslänglich lauten würde.

Es erfüllte Bodenstein mit tiefer Zufriedenheit, alte, ungeklärte Fälle wie diesen zu lösen und den Angehörigen der Opfer späte Genugtuung zu verschaffen. Unter anderem deshalb war er in seinen Beruf zurückgekehrt, denn aufgrund von Umstrukturierungen hatte man dem K 11 der Regionalen Kriminalinspektion Hofheim die Abteilung für ungeklärte Altfälle angegliedert, was nicht nur eine enge Zusammenarbeit mit den Kollegen vom LKA bedeutete, sondern außerdem den unbeschränkten Zugriff auf alle Ressourcen von LKA und BKA.

Vor drei Jahren hatte er ernsthaft vorgehabt, den Polizeidienst zu quittieren. Sein letzter Fall hatte ihn an seine seelischen Grenzen und den Rand eines Burn-outs gebracht, und er hatte für sich entschieden, dass er eine Pause und ein wenig Abstand brauchte. Das Jahr hatte er genutzt, um in Ruhe darüber nachzudenken, wie es für ihn weitergehen sollte. Die Aussicht, Vermögensverwalter seiner ExSchwiegermutter zu sein, hatte ihn nicht wirklich gereizt. Schließlich war es seine langjährige Kollegin und Interims-Nachfolgerin Pia Sander gewesen, die ihn zur Rückkehr bewegt hatte. Da Bodenstein mehr Zeit für seine Tochter und seine Frau haben wollte, hatte er sich mit Pia, Dr. Engel und den zuständigen Stellen im Polizeipräsidium darauf geeinigt, dass er zwar wieder die Leitung des K 11 mitsamt allen anfallenden administrativen Aufgaben übernehmen würde, allerdings nur in Teilzeit zu achtzig Prozent.

Bodenstein steckte die Unterlagen in seine Aktentasche, erhob sich von seinem Schreibtisch und schlenderte hinüber ins Fernsehzimmer, wo Karoline schon seit dem frühen Vormittag bei heruntergelassenen Jalousien ihre Lieblingsserie auf Netflix guckte. Er blieb im Türrahmen stehen und lächelte beim Anblick seiner Frau, die ungeschminkt und in Jogginghosen faul auf der Couch lag. Karolines 16-jährige Tochter Greta war für vierzehn Tage mit der Familie ihres Vaters nach Florida geflogen, Sophia hatte die Feiertage bei ihrer Mutter verbracht und würde noch bis Freitag dortbleiben, und so war Ostern in diesem Jahr zu einer herrlich entspannten Angelegenheit geraten. In der Osternacht waren sie gemeinsam mit seinen Eltern in Fischbach in die Kirche gegangen, sonst hatten sie einfach nur »gechillt«, wie Sophia das so schön nannte. Während seines Sabbaticals hatte auch Karoline ihr Leben überdacht und ihren Job bei dem Beratungsunternehmen, dessen sie ohnehin seit Langem überdrüssig gewesen war, gekündigt. Sie hatte an Bodensteins Stelle die Vermögensverwaltung für Gabriela von Rothkirch übernommen, und das war auch gut so, denn Karoline kannte sich erheblich besser mit solchen Dingen aus. Bodensteins ehemalige Schwiegermutter hatte Karoline auf Anhieb vertraut, und gemeinsam hatten die beiden das millionenschwere Vermögen der Rothkirchs neu strukturiert und in verschiedene Stiftungen aufgeteilt. Selbst Cosima hatte erkannt, dass es der neuen Frau ihres Ex-Mannes nicht um persönliche Bereicherung ging, und ihre Ressentiments gegen Karoline aufgegeben. Sie reiste weiterhin um die Welt, produzierte Dokumentarfilme und hielt höfliche Distanz, aber die Absprachen bezüglich Sophia funktionierten mittlerweile.

»Ich bin schon bei Folge sieben von Staffel zwei.« Karoline gähnte und streckte sich genüsslich, als er hereinkam. »Mir tut es jetzt schon leid, dass ich nur noch sechs Folgen zu gucken habe.«

»Die nächste Staffel kommt bestimmt.« Bodenstein grinste.

»Findest du es schlimm, wenn ich an einem normalen Werktag faul vor der Glotze herumhänge?«, fragte sie ihn.

»Kein bisschen. Das ist der Vorteil, wenn man Freiberuflerin ist.« Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss. Die Versuchung, sich zu ihr auf die Couch zu legen und den Rest des Tages zu verdämmern, war groß, aber er widerstand erfolgreich. »Ich wollte ein bisschen nach draußen an die frische Luft, bevor es anfängt zu regnen.« »Schon klar.« Karoline erwiderte sein Grinsen. »Viel Vergnügen!«

(Continues…)


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