Quantenwirtschaft: Was kommt nach der Digitalisierung?

Quantenwirtschaft: Was kommt nach der Digitalisierung?

by Anders Indset

NOOK Book1. Auflage, Erweiterte Ausgabe, Überarbeitete Ausgabe (eBook - 1. Auflage, Erweiterte Ausgabe, Überarbeitete Ausgabe)

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Overview

Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz, die ersten Quantencomputer und die Automatisierung von immer weiteren Lebens- und Arbeitsbereichen wird massive Auswirkungen auf unsere Zukunft und unser Wirtschaftsmodell haben. Algorithmen werden zu Autoritäten und diese werden unvermeidlich im Wettbewerb gegeneinander antreten. Aber Technologie allein kann und wird nicht die Antwort auf alle unsere Herausforderungen sein. Noch sind wir Menschen die Treiber und Bindeglieder, die unsere Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Realität steuern können. Anders Indset entwickelt drei Szenarien für die nächsten 10 bis 20 Jahre in denen unsere Zukunft unumkehrbar entschieden wird.

Product Details

ISBN-13: 9783843724944
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 11/16/2020
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 368
File size: 2 MB

About the Author

Anders Indset, gebürtiger Norweger, ist Wirtschaftsphilosoph und erfolgreicher Unternehmer. Er ist Gastdozent an mehreren internationalen Business Schools und vertrauter Sparrings-Partner für internationale CEOs und führende Politiker. Indem er die Philosophie der Vergangenheit mit der Technologie und Wissenschaft von morgen zusammenbringt, zeigt er Führungskräften auf, wie sie das 21. Jahrhundert meistern können. 2018 hat ihn Thinkers50 in die Top 30 der in Zukunft wichtigsten Managementvordenker aufgenommen.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Bewusstseinswandel oder Untergang – du hast die Wahl!

Ich weiß, wovon ich rede: Ich habe mit führenden Wissenschaftlern gesprochen, ihre Studien durchgearbeitet, und vor allem bin ich selbst immer wieder dorthin gereist, wo es bereits lichterloh brennt. Nach Afrika, wo die unbewohnbaren Wüstenregionen wachsen. In die Antarktis, wo Eisberge von der Größe ganzer Städte schmelzen und den Meeresspiegel steigen lassen. Nach China, wo nicht nur die Umweltzerstörung, sondern auch die Roboterisierung ganzer Wertschöpfungsketten weiter vorangeschritten ist als irgendwo sonst auf der Welt. Nach Indonesien, wo das Meer so romantisch im Sonnenlicht glitzert – nur kommt dieses Glitzern hauptsächlich vom Plastikmüll, der in den Wellen treibt und Millionen Meeresbewohner qualvoll ersticken lässt.

In den nächsten zehn Jahren steht die Menschheit vor zwei existenziellen Herausforderungen. Wie können wir den drohenden ökologischen Kollaps noch vermeiden? Und wie können wir die exponentiellen Technologien wie künstliche Intelligenz, Bio- und Nanotechnologie so handhaben, dass sie uns helfen, diese Welt zu einem wahrhaft humanen Paradies zu machen – und nicht zu einer posthumanen Hölle, in der unsere Nachkommen bloß noch als Zootiere oder bewusstlose Zombies vegetieren?

Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Existenz der menschlichen Spezies. Deshalb empfehle ich dringend, verharmlosende Ausdrücke wie »Klimawandel« oder »globale Erwärmung« aus dem Wortschatz zu streichen. Es gibt keinen »Wandel«, der einfach ein bisschen mehr Sonnenwärme bringen würde – der Klimakollaps steht kurz bevor. Die größte Gefahr unserer Zeit ist, zu glauben, irgendjemand werde schon kommen und uns retten. Die neuen Technologien können uns zwar helfen, den ökologischen Zusammenbruch noch zu vermeiden; sie werden das aber nicht von allein machen – wir müssen bewusst entscheiden, was wir mit ihrer Hilfe erreichen wollen.

Wenn wir diese Entscheidung nicht treffen, drohen wir einer zweiten existenziellen Gefahr zum Opfer zu fallen, die womöglich noch größer als der heraufziehende Öko-Crash ist: der Entmachtung der Menschheit durch hyperintelligente Maschinen. Das Problem ist umso bedrohlicher, als es in allen Köpfen präsent ist, allerdings als vermeintliches Hirngespinst von IT-Nerds und als Science-Fiction aus Hollywood. Dabei ist diese Gefahr so real wie der Klimazusammenbruch – nur fühlen wir offenbar nicht, wie nah sie ist.

Deshalb brauchen wir umgehend eine weltweite Bewusstseinsrevolution. Wenn wir alle verstehen und akzeptieren, dass die Herausforderungen lebensbedrohlich sind, können wir unsere Erde noch retten und das Überleben unserer Spezies sichern – vielleicht! Oder: Wollen wir lieber zusehen, wie die Ära der organisierten Menschheit in wenigen Jahrzehnten auf erbärmliche Weise endet?

In zehn Jahren werden weite Teile Afrikas durch den Klimakollaps unbewohnbar geworden sein – ausgerechnet auf dem Kontinent, wo die Bevölkerung am stärksten wächst. Abermillionen Menschen werden in Richtung Europa fliehen, Hunderttausende werden im Mittelmeer ertrinken und in den Wüsten verdursten, wenn wir nicht sofort gegensteuern.

In zehn Jahren werden Roboter mit übermenschlicher Intelligenz unseren Alltag beherrschen. Wir werden nicht länger die intelligenteste Spezies auf diesem Planeten sein.

In zehn Jahren werden Produktion und Logistik weitestgehend automatisiert sein, Abermillionen Arbeitsplätze werden weltweit gestrichen. Betroffen sind unter anderem die asiatischen Niedriglohnländer, die als »verlängerte Werkbänke« der westlichen Industrieländer zu bescheidenem Wohlstand gekommen sind – und nun in Armut und Arbeitslosigkeit zurückzufallen drohen. Die Produktion von Smartphones und Tablets, Spielzeug und Textilien wird weitgehend nach Europa und Amerika zurückverlagert werden, wo die Abnehmer der Produkte leben. Denn Roboter arbeiten überall gleich kostengünstig, und durch vollautomatisierte Wertschöpfungsprozesse vor Ort lassen sich auch die Kosten für die »letzte Meile« minimieren. Jingdong ist übrigens fast schon so weit: Innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre wird das chinesische Milliardenunternehmen, das im Westen kaum jemand kennt, eine komplett automatisierte Wertschöpfungskette schaffen.

In zehn Jahren werden auch in den europäischen und amerikanischen Wohlstandszonen Abermillionen Jobs wegfallen. In den Unternehmen wird immer noch über »Human Resources« und »Human Capital« gesprochen, doch wir müssen dringend umdenken. Denn wenn die Algorithmen eines beherrschen, dann ist es der effiziente Einsatz von Ressourcen. Bus- und Taxifahrer, Buchhalter und Sachbearbeiter, Verkäufer und Vertreter, Manager und Fabrikarbeiter werden in der automatisierten Welt schlichtweg nicht mehr gebraucht.

Was geschieht mit all diesen Menschen, die von heute auf morgen überflüssig werden? Wovon werden sie leben? Womit werden sie sich beschäftigen? Werden sie ihr Schicksal, plötzlich unnütz zu sein, akzeptieren – oder stehen uns Unruhen, Aufstände, der Zusammenbruch unserer Gesellschaft bevor? Rechtspopulistische Parteien heimsen heute schon enorm viele Wählerstimmen ein und nehmen Platz in unseren Parlamenten – obwohl es uns so gut geht wie nie zuvor. Wie viele »besorgte Bürger« werden erst den Rattenfängern folgen, wenn es wirtschaftlich wirklich bergab geht?

»So schlimm wird es schon nicht kommen«, wendest du vielleicht ein. »Außerdem entstehen doch auch neue Jobs – Programmierer, Softwareentwickler und andere werden dann doch bestimmt massenhaft gebraucht.« Nein, längst nicht so massenhaft, wie du glaubst. Die Roboter werden durch selbstlernende Algorithmen gesteuert werden, die sich eigenständig weiterentwickeln und sogar ihre eigene neue Software schreiben können. Der Busfahrer oder die Buchhalterin können sich sowieso nicht so einfach in Softwareentwickler verwandeln. Und der größte Teil aller anderen Jobs wird ebenfalls ersatzlos entfallen.

Automatische Ärzte mit Chipgehirnen werden uns medizinisch betreuen und erforderlichenfalls Therapien verordnen. Roboter werden uns operieren und pflegen – nicht irgendwann in ferner Zukunft, sondern in zehn oder weniger Jahren. Sie werden unsere Häuser bauen, Wohnanlagen und Fabriken managen. Autos, Bahnen und Busse, Flugzeuge und Helikopter werden autonom fahren und fliegen. Übersetzer und Redakteure, Komponisten und Drehbuchautoren werden gerade durch maschinelle Nachfolger ersetzt – und wir werden keinen qualitativen Unterschied bemerken, oder höchstens eine Veränderung zum Besseren.

Die maschinell generierten Werke werden uns ausgeklügelter unterhalten und emotional tiefer berühren. Die Diagnosen und Verordnungen der algorithmischen Ärzte werden präziser und wirksamer sein als die ihrer biologischen Vorgänger. Und die Unfallrate im automatisierten Straßen- und Luftverkehr wird auf einen Bruchteil der heutigen Opferzahlen sinken. Zu schön, um wahr zu sein – oder doch wie eine zumindest zwiespältige Verheißung?

Die KI -Maschinen werden uns in fast jeder Hinsicht überlegen sein – auch im Hinblick auf Fokussierung und Prioritätensetzung. Ihre Algorithmen werden imstande sein, menschliche Emotionen punktgenau zu stimulieren und perfekt zu simulieren. Doch ihre kalte, logische Hyperintelligenz wird sie davor bewahren, sich von Stressimpulsen triggern und blind umherjagen zu lassen, wie es für uns Menschen typisch ist.

Wir brauchen also neue Modelle und ein neues Verständnis von Arbeit. Womöglich gibt es Lösungen; mit meinem Modell der Quantenwirtschaft stelle ich einen ersten Ansatz vor. Aber du wirst genauso gebraucht: Gemeinsam improvisieren wir die Zukunft ...

Setz die Quantenbrille auf!

Wenn man beginnt, die Welt aus Quantenperspektive zu sehen, stellt man verwundert fest, wie viele Gedanken und Kreationen es zu diesem Thema bereits gibt. Beispielsweise das Theaterstück Die Parallelwelt, das die Quantenmechanik auf zwei miteinander verschränkte Bühnen bringt, in Berlin und gleichzeitig in Dortmund. Im neuen Wissenschaftszweig der Quantenkognition wird versucht, mit den mathematischen Formeln der Quantentheorie kognitive Phänomene zu modellieren, etwa die Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn.

In den Medien wird mittlerweile vieles mit Quanten in Verbindung gebracht – von »Quantenverhalten« über »Quantenmedizin« und »Quantenkreativität« bis hin zu »Quantenkapital«. Eine Fülle von Kurzvideos, Modellen und Beispielen soll die bizarren Effekte der Quantenmechanik auch für Nichtphysiker verständlich machen.

Der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Alexander Wendt entwickelte sich zum »Quantensoziologen«, indem er prophezeite, dass den neuen Wissenschaften ein grundlegendes Umdenken hinsichtlich ihrer Beziehungen zu den Mitmenschen und zur Natur bevorstehe. In seinem Buch Quantum Mind and Social Science von 2015 schreibt er, dass die Sozialwissenschaften allesamt auf einem Fehler beruhten: Seit ihren Anfängen vor rund hundertfünfzig Jahren gingen Sozialwissenschaftler wie selbstverständlich davon aus, dass unser Denken und die menschlichen Gesellschaften den Gesetzen der »klassischen« Physik gehorchten. Auf den ersten Blick scheint diese Grundannahme nach wie vor vernünftig; schließlich gehören wir selbst, genauso wie Tische oder Stühle, zu den makroskopischen Objekten, müssten also auch denselben Gesetzen unterworfen sein. Doch für unser Bewusstsein und unsere sozialen Prozesse gilt das eben nicht: Sie sind vielmehr durch quantenphysikalische Prinzipien wie Nichtlokalität und Verschränkung geprägt.

Die Spieltheorie ist ein weiteres Beispiel für den Einfluss der Quantentheorie. Beim klassischen Ansatz wird die strategische Interaktion zwischen zwei oder mehr Akteuren (Spielern) in einer Situation mit definierten Regeln und Resultaten modelliert – eine Herangehensweise, die insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften beliebt ist. Die Quanten-Spieltheorie ist eine Weiterentwicklung dieser klassischen Spieltheorie. Sie geht unter anderem davon aus, dass wir Menschen unauflösbar miteinander verbunden sind und demnach auch unser Wirtschaftssystem und unser Streben nach Glückseligkeit als miteinander verkoppelt gedacht werden müssen.

Eine der zentralen Herausforderungen bei der Gestaltung der Quantenwirtschaft ist es nach wie vor, dass Quantenphysik als unverständliches Abrakadabra gilt, über das allenfalls Experten sprechen können. Und selbst ein hochkarätiger Wissenschaftler wie der Quantenphysiker und Spieltheoretiker John von Neumann bekannte: »Du verstehst Quantenmechanik nicht, du gewöhnst dich nur daran.« Ganz zu schweigen vom Jahrhundertgenie Albert Einstein, der resignierend vermerkte: »Diese Theorie erinnert mich ein wenig an das System der Täuschung eines überaus intelligenten Paranoikers, das aus inkohärenten Gedankenelementen besteht.«

Warum also sollten wir uns mit Quantenmechanik beschäftigen, wenn nicht einmal diese brillanten Köpfe uns erklären können, was in der Quantenwelt vor sich geht? Ganz einfach: Es ist der beste – und vielleicht einzige – Ansatz, den wir momentan haben, um bei der Lösung bislang unlösbarer Probleme voranzukommen. So, wie ich die Welt verstehe, ist Bewusstsein etwas Fundamentales – ein essenzielles Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschine: Wie Materie ein Bewusstsein entwickeln kann, können wir im Rahmen der klassischen Physik schlichtweg nicht erklären. Ganz zu schweigen vom Mysterium des menschlichen Bewusstseins: Warum sind bestimmte Verhaltensfunktionen überhaupt von Bewusstsein begleitet? Auf welche Weise rufen physikalische Prozesse im Gehirn subjektive Erfahrungen hervor? Auf diese Fragen haben wir nicht nur keine Antworten, wir wissen nicht einmal, wie wir sie formulieren sollen. Im Prinzip gilt das genauso für unser mangelhaftes Verständnis gesellschaftlicher und ökonomischer Prozesse.

Mehr und mehr setzt sich nun die Einsicht durch, dass wir auf vielen Forschungsgebieten weiterkommen, wenn wir es durch die Quantenbrille betrachten. Genauso gilt umgekehrt, dass wir dadurch auch die bizarre Welt der Quantenphysik besser verstehen. Die Wirtschaft aus Quantenperspektive zu betrachten ist hilfreich, um die Merkwürdigkeiten ökonomischer Prozesse klarer zu erfassen– und die mathematischen Formeln der Quantenökonomen können auch für die Quantenphysiker nützlich sein, die nach wie vor nach einem Grundprinzip hinter den verwirrenden Quanteneffekten suchen. Auf jeden Fall wird in den Natur- wie in den Sozialwissenschaften immer breiter akzeptiert, dass sich Forscher aller Bereiche für eine neue Sichtweise öffnen müssen. Für die Quanteninterpretationen unserer Welt und damit auch unserer Wirtschaft.

Einige quantenökonomische Ansätze gibt es mittlerweile, und sie werden ständig weiterentwickelt. Möglicherweise habe ich diese Realität miterschaffen, indem ich mein Bewusstsein und meine Energie auf dieses Themenfeld gelenkt habe – aus quantenlogischer Sicht durchaus vorstellbar. Doch ebenso kann es sein, dass sich viele Menschen mit dieser Idee beschäftigen, weil die Zeit einfach reif dafür ist. Während ich durch philosophische Betrachtung zu meinem Konzept einer Quantenwirtschaft gelangt bin, kommen andere aus wissenschaftlicher oder spiritueller Perspektive zu ähnlichen Ergebnissen.

Alles hängt mit allem zusammen und beeinflusst sichgegenseitig. Die Welt ist keine Summe ihrer Einzelteile, dennsie besteht nicht (nur) aus Atomen. Die Einzelteile konnten die Wissenschaftler im Lauf der Jahrhunderte immer genauer beschreiben, doch auf diese Weise haben sie unzählige Puzzlestücke produziert, die nicht zusammenpassen. Jedes einzelne Fragment ist ziemlich nah an der Realität, aber eben nicht mit ihr identisch. Denn die Realität ist »quantastisch«, wie wir immer klarer erkennen, und das heißt: Wir können sie nicht verstehen, wie auch Nobelpreisträger Richard Feynman hinsichtlich der Quantenmechanik mahnte: »Wenn du glaubst, du verstehst sie, dann verstehst du sie gerade nicht.«

Zurück in die Dreißigerjahre?

Die aktuelle Weltlage ähnelt dem explosiven Mix der Dreißigerjahre – kurz vor Naziherrschaft und Stalinismus, Völkermorden und Weltkrieg.

Auch wenn sich die Geschichte nie buchstäblich wiederholt, gibt es alarmierende Parallelen. Fette Renditen werden zwar nach wie vor im Investmentbanking erzielt, aber Geld mit Geld zu machen ist etwas ganz anderes als echte Wertgenerierung. Von dem künstlichen Boom, der durch massive Geldmengenausweitung geschürt wird, profitieren nur einige wenige vornehmlich in der westlichen Hemisphäre. Dagegen ächzen selbst in traditionellen Wohlstandsregionen zahlreiche Staaten und zig Millionen Bürger im Würgegriff einer Austeritätspolitik, die zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten geführt und die Spaltung der Gesellschaften gefährlich vertieft hat.

Korrupte Regimes, Bürgerkriege und zunehmende Verwüstung verwandeln immer größere Teile Afrikas in unbewohnbare Zonen und zwingen Millionen Menschen zur Flucht. Statt mit vermehrten und koordinierten Steuerungs- und Integrationsbemühungen reagieren die Zielregionen der Fluchtbewegungen, vor allem Europa und Nordamerika, mit Abschottung und rassistischer Hetze. Eine vergleichbare Gemengelage löste vor nicht einmal hundert Jahren erdumspannende Kriege, Grausamkeiten und Genozide aus. Wann erkennen wir endlich, auf welchem fatalen Kurs wir sind – und reißen das Steuer herum?

Wir brauchen eine neue Aufklärung, eine Bewusstseinsrevolution. Denn unsere Demokratien sind weit davon entfernt, aufgeklärte Gesellschaften zu sein. Wir müssen entscheiden, wie wir mit den exponentiellen Technologien, künstlichen Intelligenzen und der damit verbundenen Automatisierung umgehen wollen – solange es hier noch etwas zu entscheiden gibt. Und wir müssen klären, welche Regierungs- und Wirtschaftsmodelle uns dabei helfen können, die gewaltigen Herausforderungen unserer globalisierten Welt zu meistern.

Diese drei fatalen Faktoren – unaufgeklärte Gesellschaft, ungeklärter Umgang mit exponentiellen Technologien und ungeeignete Systeme – tragen zu der eigenartigen Stimmung bei, die so viele Menschen heutzutage zu immer hektischerer Geschäftigkeit treibt und gleichzeitig innerlich lähmt. Fast alle, mit denen ich darüber spreche, räumen ein, dass sie diese Ballung diffuser Megaprobleme ängstigt. Doch kaum jemand handelt entsprechend. Innerlich frustriert, äußerlich durch Luxus und Hybris gepanzert, versuchen wir, uns einzureden, dass »so etwas« nicht mehr passieren könne, schließlich sind wir alle aufgeklärt und bestens informiert. Und haben wir heutzutage nicht all diese großartigen technischen Möglichkeiten? Da müsste es doch machbar sein, sämtliche Probleme zu lösen!

Doch das ist kindisches Wunschdenken. Solange die drei fatalen Faktoren nicht entschärft sind, kann es keine Lösung geben.

Höchste Zeit für Meuterei ...

... und für eine gute Nachricht: Kapitalismus in seiner jetzigen Form und technischer Fortschritt bilden keine schicksalhafte Einheit. Wenn sich Technologien in zerstörerische Richtungen entwickeln, hat das sehr viel mit Profitmaximierung zu tun – aber wenig oder gar nichts mit der Technologie selbst. Am Anfang unserer modernen Zeiten stehen nicht der Kapitalismus und auch nicht die Aufklärung, sondern der technische Genius der Erfinder, die Druckmaschinen, Räderuhren, Mikroskope und Teleskope konstruierten. Naturwissenschaftler wie Isaac Newton, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Galileo Galilei entdeckten und formulierten die Gesetze der »klassischen« Physik, so genannt in Abgrenzung zur Quantenphysik. Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant oder Voltaire erkannten, dass der Mensch mit dem »Licht der Vernunft« alle Finsternisse zu erhellen vermag – Unwissen, Irrtümer und Vorurteile –, von denen er bis dahin umfangen war. Daher das englische Wort für Aufklärung: »Enlightenment«, Erleuchtung. »Vernunft«, wie Kant sie in seiner Kritik der reinen Vernunft definierte, meint nicht nur empirische Wahrnehmung und logisch-kausales Denken, sondern auch deren kritische Kontrolle durch uns selbst.

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