Schwein gehabt, sagt die Liebe

Schwein gehabt, sagt die Liebe

by Sabrina Sonntag

NOOK BookAuflage (eBook - Auflage)

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Overview

Salzige Meeresluft und die Weite der Nordsee - auf Spiekeroog fühlt Nicole sich so unbeschwert wie nirgendwo sonst. Als sie dieses Mal auf die Insel reist, hat sie eine Mission: Sie will die tier- und gastfreundliche Pension der verstorbenen Martha retten. Doch dann erfährt sie aus sicherer Quelle, dass der Sohn und Erbe inkognito eingecheckt hat. Nicole beschließt, die infrage kommenden Männer zu daten und vom Potenzial der Pension zu überzeugen. Dabei kommen ihr ein frecher Papagei und ein anschmiegsames Hausschwein dazwischen. Und in all den Turbulenzen verliebt sie sich auch noch in den Falschen …

Product Details

ISBN-13: 9783745750416
Publisher: MIRA Taschenbuch
Publication date: 11/08/2019
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 304
File size: 3 MB

About the Author

Sabrina Sonntag ist Mitte zwanzig und schließt gerade ihren Forschungsmaster in Feministischer Literaturwissenschaft ab. Sie leitet Coachings, arbeitet ehrenamtlich mit Kindern und führt den Haushalt eines katholischen Priesters. Wenn sie nicht gerade schreibt, übt sie Krav Maga oder krault ihrem Lieblingsschäferhund die Ohren.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

»Entschuldigung, Sie liegen auf meinem Schwein.«

»Äh?«, machte ich.

So macht man das als neue Chefin, dachte ich voll Selbstironie. Tür auf und ab in die Waagrechte. Die meisten Angestellten kennen noch nicht einmal meinen vollen Namen, haben aber schon Teile meiner Unterhose gesehen. Ich bin ein Phänomen.

»Das ist sie«, hörte ich jemanden flüstern.

Keine Ahnung, was jetzt von einer Chefin erwartet wurde. Meine bevorzugte Lösung wäre, rot zu werden, wegzurennen und mich im Klo einzusperren. Nicht gerade professionell, ich weiß. Da mir nichts Besseres einfiel, blieb ich einfach liegen und zupfte meinen dicken Winterrock in eine vertretbare Position.

»Haben Sie sich verletzt?«, fragte die tiefe Stimme, die von einem Schwein gesprochen hatte, jetzt.

Der Typ, der vor mir stand, ging in die Hocke. Gut sah er aus, soweit ich das von unten beurteilen konnte. Vor allem sah ich sein Knie in beiger Hose, das um Haaresbreite meine Nase verfehlte.

»Nicole«, stellte ich mich vor, stützte mich auf die Ellenbogen, schob sein Knie beiseite und streckte ihm die Hand hin.

»Benedikt.« Ob ihm bewusst war, dass ich ihm von dieser Position aus bis in die Nasenlöcher gucken konnte? So gut hatte ich mir einen Mann vor dem ersten Flirt noch nie angeschaut.

Er schloss die Finger um meine Hand, was sich überraschend gut anfühlte. »Darf ich Ihnen aufhelfen, Nicole?« Gerade als ich mein schönstes Lächeln aufsetzte und ganz verführerisch mit den Wimpern klimpern wollte, spürte ich etwas Nasses an meiner Wange. Ups. Hastig zog ich die Hand zurück und wischte mir über das Gesicht.

»Ludwig!«

»Nein, Benedikt. Der Name war Benedikt.«

Als ich mich schlagartig aufsetzte, knallte ich mit dem Kopf gegen Benedikts Knie. Eine Hand presste ich auf die schmerzende Stirn, meine andere Hand schob meinen Schäferhundmix aus der Gefahrenzone, und mit der nächsten Hand tastete ich nach dem Fußboden. Ich fiel rückwärts in meine Ausgangslage, als ich merkte, dass ich keine dritte Hand besaß. Was eigentlich kein Problem war, weil ich genauso weich gefallen war wie vorher. Aber der Fußboden bewegte sich.

»Es schaukelt«, murmelte ich.

»Nein, es atmet«, korrigierte Benedikt und kratzte sich am Kopf.

Das könnte sein. Wer mich umwirft, muss mich auch tragen können. Im Zweifelsfall war es immer ein Hund. Ein Jack Russell hätte zwar das nötige Temperament, kam allerdings nicht infrage, da der unter meinen sechzig Kilo wohl nun nicht mehr atmen würde.

»Sie heißt Lilly.«

»Hallo Lilly«, sagte ich benommen und rappelte mich auf. Und dann sagte ich erst einmal gar nichts mehr.

Lilly guckte mich aus ihren süßen kleinen Augen an und machte ein Geräusch wie eine Oma mit Asthmaanfall.

»Das ist ...«

»Ein Schwein, ja.« Benedikt nickte und hob die Augenbrauen über seinen dunklen Augen.

Es war zehn Jahre her, dass Martha diese Pension gegründet hatte, in der die Gäste ihre Haustiere mitbringen durften. Ich fand die Idee schon immer charmant, aber verrückt und wartete noch darauf, dass jemand den ersten Stier auf dem Balkon parkt.

»Was ist das denn?«, fragte eine Dame in der Schlange vor der Rezeption voll Abscheu, auf dem Arm einen Chihuahua.

»Das ist unser Schnitzelvorrat für die nächsten zwei Monate«, antwortete ich, stand auf und klopfte mir betont lässig den Staub von meinem dunkelblauen Rock.

Inzwischen hatte Ludwig das Schwein entdeckt und protestierte lautstark. Kein Wunder, er kannte Schwein ja sonst nur in mundgerechten kleinen Stücken, in viereckigen Aluminium-Dosen verpackt und verschlossen mit einem Deckel, von dessen Oberseite ein glücklicher Hund heruntergrinste.

»Ludwig, aus!«, befahl ich streng, obwohl ich ihn ja verstand.

Daraufhin schwieg er brav, wand sich aber, als hätte ich ihn auf einer heißen Herdplatte abgesetzt, und warf mir herzerweichende Blicke zu. Gott allein wusste, was in einem Hundehirn vor sich ging. Womöglich sah er Lilly mit Lätzchen am Tisch sitzen, fröhlich grunzend, während Benedikt zwei viereckige Aluminium-Dosen aufriss: Frischer Ludwig mit Karottenpüree. Oder: Nicole, fein gehackt, mit Langkornreis.

Als Lilly grunzte, zuckte Ludwig zusammen. Obwohl ihm dieses Geräusch eigentlich hätte vertraut sein müssen. Wenn ich nämlich beim Telefonieren lachte, grunzte ich regelmäßig ins Telefon.

»Wieso dauert denn das so lang, ich würde jetzt gern endlich einchecken!«, rief eine genervte Stimme vom Ende der Schlange vor dem Empfangstresen.

Mein Blick ging zur Eingangstür, durch die der Spiekerooger Winterwind hereinpfiff, entlang an bestimmt zehn wartenden Gästen und schließlich zu dem wirklich nett aussehenden dunkelhaarigen Mann vor mir, der beruhigend sein Schwein tätschelte und mich erwartungsvoll ansah.

Okay, auch wenn ich sicher einen seltsamen ersten Eindruck hinterlassen hatte, würde ich die Situation vollprofimäßig in den Griff bekommen. Beschwingt warf ich meinen Rucksack und den Koffer hinter den Rezeptionstresen und hüpfte über die Abgrenzung.

»Willkommen auf Spiekeroog«, rief ich errötend und schob ein paar Nordsee-Broschüren beiseite. »Wer ist der Nächste?«

»Ich.«

Benedikt trat an die Rezeption. Von vorne und näher betrachtet war er sogar noch schöner anzusehen. Groß und breitschultrig stand er vor mir. Seine Züge waren weich, kleine Grübchen saßen auf seinen Wangen, und Lachfältchen zeigten sich auf seinem sonnengebräunten Gesicht.

»Sekunde.« Ich kramte mich durch die Schubladen, auf der Suche nach dem kleinen Büchlein, in dem Martha immer die Daten ihrer Gäste aufgenommen hatte. Wo war bloß dieses doofe Ding? Ich fand eine angebissene Pizza, eine Tube Haftcreme und eine Taucherbrille. Als mein Finger in einem Marmeladenkeks stecken blieb, gab ich auf.

»Oben links!«, brüllte Susanne, und ihr blonder Haarschopf rauschte an der Rezeption vorbei, während sie sechs gut beladene Kuchenteller auf zwei Unterarmen balancierte. Susanne hatte Martha schon lange unterstützt, sie wusste einfach alles.

Aha. Und tatsächlich, da war es ja.

»Ihren vollen Namen bräuchte ich, bitte«, sagte ich, als hätte ich nie etwas anderes getan, und zückte den Stift.

»Siegfried, Otto, Emil, Richard ...«

Ich sah ihn entsetzt an. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich Siegfried Otto Emil Richard Benedikt den Ersten um eine Privataudienz bitten sollte, dann erkannte ich, dass er nur buchstabierte.

»Ein Autogramm bitte, Herr Soerensen«, erwiderte ich schließlich so professionell wie möglich und reichte ihm einen Meldeschein, den ich unter dem Notizbuch gefunden hatte.

Plopp, da zerplatzte die Seifenblase. Genauer gesagt machte es nicht plopp, sondern vielmehr leise klack, als der Kugelschreiber auf seinen Ehering traf.

»Och, nö«, machte ich bedauernd. Benedikt Soerensen mit seinen süßen Grübchen war also tabu für mich.

»Wie bitte?«

Ich ignorierte die Frage und hielt ihm nur den Zimmerschlüssel hin. »Zimmer vier.« Gedanklich steckte ich mir zwei Finger in die Mundwinkel, um mein Rezeptionslächeln aufzuhalten, das sich gerade in den Feierabend verabschiedete.

»Wo ist Zimmer vier?«, fragte Benedikt.

»Neben Zimmer drei!?«

Ich konnte nicht fassen, dass er verheiratet war. Unglaublich. Ließ sich erst bis in die Nasenlöcher gucken und stellte sich dann als vergeben heraus.

»Haben Sie hier einen Weckdienst?«

»Weckdienst?« Keine Ahnung, was er sich unter Weckdienst vorstellte, aber wenn ich ihn um sechs Uhr früh an den Füßen aus dem Bett ziehen sollte, dann hatten wir so etwas definitiv nicht. »Der Hahn kräht«, sagte ich. »Hilft das?«

»Können Sie den Hahn auf sechs Uhr dreißig stellen?«

Während ich ihn noch mit offenem Mund anstarrte, fing Benedikt an zu lachen. Ich lachte mit. Auch wenn ich ehrlich gesagt noch damit beschäftigt war, Benedikts Ehering zu verdauen. Nicht den Ring selbst, versteht sich.

»Wir werden um sechs Uhr dreißig an Ihre Tür klopfen«, brachte ich schließlich lachend hervor. »Ist das für Sie so in Ordnung?«

»Gern«, meinte er und zwinkerte mir zu.

Ich war so verwirrt, dass ich zurückzwinkerte. Trotz des Eherings.

Lilly grunzte. Als ich mich über die Tresenplatte beugte, bot sich mir ein Bild der puren Harmonie. Ludwigs Pfoten lagen auf Lillys Schultern. Aus ihren kleinen Schweinchenäuglein schien Lilly ihn verträumt anzuhimmeln. Mit Sicherheit war dies erst der Anfang einer wunderschönen Freundschaft. Ich seufzte. Es hätte so perfekt sein können. Ein gut aussehender Mann, Hund und Schwein in der Standardtanzpose, romantische Spaziergänge am winterlichen Strand, kuschelige Abende am knisternden Kaminfeuer, gemeinsames Kochen ... Wenn doch bloß ein paar Gramm Gold nicht wären.

»Ach, und ich habe Abendessen für mein Schwein reserviert«, sagte Benedikt, der ebenfalls gedankenverloren das Spiel unserer beiden Tiere betrachtete.

»Puh«, machte ich. Da war ich überfragt. »Susanne?«, rief ich hoffnungsvoll.

Keine Antwort.

Susanne war ein Glücksgriff für die Pension, das hatte Martha immer gesagt. Eine Angestellte, die notfalls innerhalb von fünf Minuten drei Betten frisch bezog und zehn Liter Kürbissuppe kochte. In ihren bunten Pluderhosen, die sie aus Indien mitgebracht hatte, hatte sie vor fünf Jahren ohne jede Arbeitserfahrung an der Pensionstür geklingelt. Zwei Tage hatte es gedauert, dann war Susanne in der Pension herumgelaufen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Kein Mensch hatte ihr angemerkt, dass sie noch ein paar Tage zuvor ihr Chi gesucht hatte. Aber jetzt ließ sogar Susanne mich im Stich. Definitiv nicht mein Tag.

Ich zog probeweise die angebissene Pizza aus der Schublade. »Ich schätze, Ihr Schwein hatte keine Pizza bestellt?« Verlegen pulte ich ein paar Scheiben Salami aus der Tomatensoße. Ehrlich gesagt bezweifelte ich ja, dass Lilly nahe Verwandte in dünnen Scheiben wiedererkennen könnte ...

Hilfe!

»Susanne?« Weit weg konnte sie nicht sein.

Nichts.

»Er ist nackt!«, schrie ich laut und schenkte Benedikt ein zuversichtliches Lächeln. Sicher hielt er mich inzwischen für grenzdebil.

Prompt schwang die Küchentür auf, und Susanne hechtete rot und schnaufend in meine Richtung.

Wusste ich es doch. Das funktioniert immer.

»Ich übernehme schon«, rief sie sofort und warf mir meinen Zimmerschlüssel zu. »Komm du erst einmal richtig an.«

Der Stress tropfte ihr förmlich von der Stirn. Sie pustete sich den Pony aus dem roten Gesicht und kramte hektisch in einer Schublade. Seit Martha gestorben war, fehlte eine ganze Arbeitskraft. Zeit für Trauer blieb da kaum. Ich war sicher, dass es an Susanne nagte, und blieb unschlüssig stehen.

»Martha würde nicht wollen, dass ihre geliebte Pension mit ihr stirbt«, flüsterte Susanne, als sie meinen Blick spürte.

»Ich packe gleich wieder mit an«, versprach ich und griff zu meinem Gepäck. »Gib Bescheid, wenn du vorher Hilfe brauchst.«

»Ich habe alles im Griff, lass dir Zeit!« Susanne tauchte dezent hinter der Rezeption ab, biss in die Pizza aus der vorletzten Schublade und schluckte, beinahe ohne zu kauen.

Nachdem sie Benedikt erklärt hatte, wo er den Eimer Schweinefutter finden würde, rief sie geschäftig: »Wer ist der Nächste?«

Ich verspürte das Bedürfnis, ihr zu sagen, dass Tomatensoße in ihrem Mundwinkel klebte, ließ es dann aber bleiben. Sie hatte wirklich genug zu tun. Und eine gute Chefin ließ die Mitarbeiter erst mal die Aufgabe beenden.

Zimmer neun. Meine erste Begegnung mit diesem Zimmer war definitiv eine prägende. Zumindest für meine Stirn. Obwohl ich Martha jedes Jahr besucht hatte, war mir entgangen, dass Zimmer neun eine Dachschräge hatte. Dass ich im Zimmer angekommen war, hatte man wahrscheinlich bis aufs Festland gehört.

Der Fußboden knarzte unter meinen Schritten. Warme Holzmöbel, rote Bettwäsche und durch die Dachgaube eine umwerfende Aussicht auf die winterliche Nordsee.

Spiekeroog. Die zauberhafte Insel war längst meine zweite Heimat geworden. Jedes Jahr wieder hatte ich mich auf das Meer gefreut, die unendliche Weite und das Zwitschern der Vögel in den Moorbirken. Gedankenverloren stand ich am Fenster und blickte hinaus.

Zart und hell brach sich das Sonnenlicht auf den Dünen und hinterließ ein geheimnisvolles Glitzern der Schneekristalle, die sich im Strandhafer verfangen hatten.

Um diese Jahreszeit war die Insel friedlich und still, die Strände menschenleer. Ferienwohnungen wurden renoviert, Geschäfte und Restaurants schlossen für eine Weile. Jetzt, im Winter, war es dann endlich ruhig genug, um die Insel atmen zu hören, wie Martha manchmal gesagt hatte.

Mehrere Dachbalken stützten die Zimmerdecke, von einem baumelte eine Blumenampel herunter. Dieses Zimmer hatte definitiv Charakter. Ich spürte den unebenen Boden unter meinen Füßen, was mich aber nicht sonderlich störte. Drei Stück Sanddorntorte nach Marthas Originalrezept und ich würde nicht garantieren können, dass der Fußboden nicht ein paar zusätzliche Dellen bekam. »Schau mal, Ludwig, ein Hundebett!«, sagte ich.

Doch Ludwig war bereits in den Arbeitsmodus übergegangen und schwer damit beschäftigt zu überprüfen, ob vielleicht ein oder zwei Milligramm Wurst auf dem Teppichboden vergessen worden waren.

»Mach dir keine Hoffnungen, Kumpel.«

Ich nahm Anlauf und landete, den Bauch voran, auf dem Bett, alle viere von mir gestreckt. Kein Wunder, schließlich war ich mehr als zehn Stunden Zug gefahren. Ich war fix und alle. Seufzend kuschelte ich mich auf die weiche Decke, als ich ein Rascheln unter meinem Bauch hörte.

Ups.

Sah fast so aus, als ob jemand auf das Bett eine Begrüßungspraline gelegt hatte. Und die war eventuell vorher nicht ganz so flach gewesen wie jetzt.

»Aus, pfui«, rief ich und richtete mich auf, als Ludwigs Schnauze sich zwischen Bett und Bauch hindurchbohrte und zielstrebig auf die Praline zusteuerte.

Der Geruch von Champagnertrüffeln strömte mir in die Nase, als ich das kleine Tütchen öffnete. Ich drückte die zerquetschte Praline aus ihrem Säckchen wie Senf aus einer Senftüte. Gut, dass mir niemand zusah. Eigentlich hätte ich Lust gehabt, die Reste aus der Tüte zu schlecken, aber bei meinem Pech würde sich die Tür öffnen, sobald meine Zunge im Tütchen steckte.

»Mmmmh«, machte ich genussvoll, als ich es darauf ankommen ließ. Aus dem Augenwinkel sah ich Ludwig neidisch herüberschauen.

Meine Beine fühlten sich an, als hätte sie jemand an Starkstrom angeschlossen. Mehr als zehn Stunden Zugfahrt hinterließen einfach Spuren. Meine Versuche, im Zug ein paar Dehnübungen zu machen, waren am Platzmangel gescheitert. Als ich versuchte, meinen Fuß in Richtung Kinn zu ziehen, hätte ich beinahe meinem Anzug tragenden Sitznachbarn den Laptop vom Schoß gefegt. Ich hätte ihn zwar auch gefragt, ob er mal kurz an meinem Bein ziehen könne, hatte aber das Gefühl, dass er das nicht sonderlich witzig gefunden hätte.

Als das ausgequetschte Pralinentütchen in den Abfalleimer segelte, kehrte Ludwig wieder in den Schnüffel-Modus zurück. Inzwischen wusste er bestimmt schon, wer hier binnen der letzten fünf Jahre wann, wie, wo und warum ein Wurstbrot gegessen hatte.

Seufzend schlug ich die Werbebroschüre auf, die auf dem Tisch lag. Gleich von der ersten Seite lachte mir ein bekanntes Gesicht entgegen.

»Martha«, flüsterte ich.

Das war sie. Die Frau mit dem größten Herz der Welt. Die Frau, der ich alles verdankte. Keine Ahnung, ob ich an ihrer Stelle großartige Lust gehabt hätte, mich um das Mädchen vom mobilen Hauswirtschaftsservice zu kümmern, das da wöchentlich die Wohnung ihrer besten Freundin putzte, Wäsche wusch und Mittagessen kochte. Eine Auszeit war es für Martha gewesen, als sie vor vielen Jahren eine Weile zu ihrer besten Freundin nach Passau gezogen war – und Glück für mich, dass wir uns dort angefreundet hatten. Mir war immer noch ein Rätsel, was sie damals an mir gefunden hatte. Ich hatte Hallo gesagt, wenn ich die Wohnung betreten hatte, und Tschüss, wenn ich wieder gegangen war. »Du bist ein liebes Mädchen«, hatte Martha immer gesagt. Schon damals – als wirklich alles, was ich gesagt hatte, Hallo und Tschüss gewesen war.

»Danke«, sagte ich leise.

Die Martha auf dem Foto lachte nur fröhlich weiter. Ich wünschte, ich hätte ihr zu Lebzeiten öfter gesagt, wie dankbar ich ihr war. Dass sie mehr in mir gesehen hat als nur das zurückhaltende Waisenkind, das einsam auf Kochtöpfe und Wäscheleinen starrte. Sie war mir fast wie eine Mutter gewesen, oder mehr. Ganze Nächte lang hatten wir bei meinen späteren Besuchen auf Spiekeroog dann zusammen geredet, eine gute Flasche Wein geleert und Kekse nach Größe geordnet. Haben über das Leben philosophiert und so laut gelacht, dass die Pensionsgäste gegen die Wand geklopft haben.

»Ich vermisse dich.«

Mein kleiner Finger streichelte die Foto-Wange. Erst als sich kleine, nasse Flecken auf dem Papier ausbreiteten, klappte ich die Broschüre zu.

Ludwig gab Töne von sich wie eine lang nicht mehr geölte Tür. Er kuschelte sich an meine Unterschenkel und legte seinen Kopf auf meine Knie.

Ich fing seinen Hundeblick auf. So guckt er nur, wenn ich weine. Oder wenn er die Hälfte von meinem Schinkenbrot haben möchte. Hälfte sollte natürlich heißen: ich das Brot und er den Schinken.

(Continues…)


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